1914
August
1914
Ich hatte schon lange tüchtige Angst, daß Krieg werden
könnte. Und dann kam wirklich die Mobilmachung. Wir waren alle im
Hof. Da brachte der Briefträger das Telegramm an Vater. Unser Kutscher
mußte auch gleich mit raus. Er ließ sich erst kriegstrauen. Das war
furchtbar traurig. Aber Hermann war so siegesgewiß, hatte so gar keine
Angst. Unsere deutschen Krieger sind alle so. Schrecklich, daß durch
den Mord in Sarajewo alles so gekommen ist. Erst der Mord, da mußten
die Österreicher den Serben den Krieg erklären, da halfen die Russen
den Serben, mußten wir den Österreichern helfen. So ging das immer
weiter. Der erste Sieg war, na ich glaube, daß wir Lüttich einnahmen.
Lüttich war sehr stark befestigt. Die Feinde staunten alle... Zeppelin
hat das meiste gemacht. Er hat tüchtig Bomben geworfen. Da wurden
die Glocken geläutet und Fahnen gehißt. Sogar in unserm kleinen Dorf
war großer Jubel. Ich dachte nie, daß sich alle so über den Krieg
freuten. Jeden Donnerstag ist Kriegsbetstunde. Ich freue mich jetzt
auch sehr, daß ich den Krieg miterleben kann. Ich bin ganz stolz.
Ich freu' mich schon, wenn ich meinen Enkeln mein Kriegstagebuch zeige.
Aus dem Dresdner Anzeiger:
| Lüttich |
|
| Es schlägt mein Herz mit grimmig wilder Freude |
| mir ungestüm bis in den Hals hinein: |
| Mein herrlich Deutschland, in der Feinde Reih'n |
| brichst du, wie Sturmstoß bricht ins Herbstgebäude. |
|
| Kein Klagen, daß man edlen Bluts vergeude, |
| ihr Fraun und Mütter, sollt zum Himmel schrein, |
| O, es ist hart; doch kann's nicht anders sein: |
| Blut ist der Kitt zu jedem Siegsgebäude. |
|
| Die Augen zu und vorwärts über Leichen! |
| Der Kriegsgott brüllt, es weint die Menschlichkeit! |
| Nicht daran denken, nur das Ziel erreichen! |
|
| Was fällt, das fällt, wenn nur die Feinde
weichen! |
| Erst wird der Sieg erstürmt; dann ist es Zeit, |
| den Toten ihren Eichenkranz zu reichen. |
|
|
(Hugo Kaeker)
|
Am 30. August großer Sieg über die Russen. 5 Armeekorps
und 3 Kavalleriedivisionen sind geschlagen. Am 31. August sind über
30 000 Russen gefangengenommen worden. Fein!!. Fast jeden Tag ein
Sieg! Bei uns läuten bei jedem großen Sieg die Glocken. Das klingt
so besonders feierlich in unserm stillen Wald.1
September
1914
Am 3. September sind 10 französische Armeekorps zurückgeworfen
worden. Man strickt jetzt tüchtig warme Sachen für den Winterfeldzug...
Wenn wir erst Calais haben, können wir mit unseren neuen Brummern
bis Dover schießen. Die Engländer haben tüchtige Angst.
14. September 1914
Sieg gegen die Franzmänner. 30 000 oder 20 000 Gefangene,
150 Geschütze. Um Lemberg ist eine große Schlacht.
15. September 1914
Bei den Österreichern geht's nicht recht gut. Die Russen
sind immer in der Übermacht.
16. September 1914
In Indien sind Aufstände. Die Engländer sind ganz wahnsinnig
in Angst. Sie bekommen die bestellten Truppen nicht.
17. September 1914
Mit den armen Österreichern geht's schlecht...Man darf
jetzt kein Fremdwort mehr sagen, ja nicht 'adieu'. Es heißt
'Guten Tag', 'lebwohl', 'auf Wiedersehen', 'Grüß
Gott' usw. Ich finde das sehr schön; wozu müssen wir denn alle
diese fremden Grüße und Wörter haben!
23. September 1914
...Der Kaiser unterhält sich mit allen Soldaten und
ist so gut. Alles schwärmt für den Kaiser. In einem Buch hab' ich
gelesen: "Ein solcher Kaiser ist ein halber Sieg!" Das ist
doch herrlich!! So was haben die Feinde nicht.
30. September 1914
Bei den Serben ist die Cholera ausgebrochen. Na, das
kann man sich bei der schmutzigen Sippschaft schon denken. Am schmutzigsten
sind aber die Russen. Da kriegen alle unsere Soldaten Ungeziefer.
Das ist schrecklich.
...Nun haben auch die Kämpfe um Kiautschau begonnen.
Die Engländer haben die Japse natürlich erst aufgehetzt. England wird
von jedem Deutschen am meisten gehaßt.
Oktober-Dezember
1914
Aus dem Dresdner Anzeiger:
| Nieder mit England |
| |
| Nieder mit England! Laßt lodern den Haß, |
| den heiligen Haß ohn' Unterlaß! |
| England entfachte den Weltenbrand, |
| schürt ihn noch täglich mit frevelnder Hand
- |
| wirft doch dabei selbst Scheit um Scheit |
| in Wutflammen Deutschlands, die zünden weit! |
| In des Islams Reich ein Funke sprang, |
| im Süden kroch schwelend ein Feuer entlang, |
| geknechtete Völker schütteln die Ketten, |
| nur ein Ruf gut jetzt, die Freiheit zu retten: |
|
Nieder
mit England!
|
|
| Nieder mit England! Zwingt's in die Knie!
|
| Den Fuß in den Nacken! Jetzt oder nie! |
| Denkt an der unschuld'gen Brüder Reih'n, |
| weit übers Meer gellt ihr Hilfeschrei'n! |
| Gedenket der blühenden Stadt Tsingtau, |
| der Edelkämpfer von Kiautschau! |
| Zu Schurkenstreichen beut' England die Hand, |
| für Königsmörder hat sich's verwandt, |
| die Völker der Erde hat's auf uns gehetzt, |
| mit erstunk'nen Lügen die Wahrheit zersetzt: |
|
Nieder
mit England!
|
|
| Nieder mit England! Den Lack ihm kratze, |
| den dünnen von seiner teuflischen "Fratze"! |
| Das trampet mit Füßen das Völkerrecht, |
| das schleift am Boden Gesetz und Recht, |
| dem Kreuz, dem Roten, lacht es Hohn |
| und "betet" zum Kreuz mit dem Gottessohn! |
| Furcht' Gottes Zorn, Alt-England, |
| zum Himmel steigt göttlicher Rache Brand! |
| Laßt lodern den Haß, den heiligen Haß, |
| Haßfeuer schürt ohn' Unterlaß: |
|
Nieder
mit England!
|
(Es folgen Aufzählungen von
Schlachten, Zeitungsbilder zur Illustration des Geschehens, eine lange
Liste sämtlicher Kriegserklärungen, Zahlen von feindlichen Gefallenen
und Gefangenen; am 18. Dezember 1914 notiert sie aber auch:)
...Es sind 4 schöne deutsche Schiffe
gesunken: Leipzig, Nürnberg, Gneisenau und Scharnhorst. Das ist sehr
traurig.2
1915
Januar
1915
1. Januar 1915
Nun hat ein neues Jahr angefangen, was wird es alles
mit sich bringen? Hoffentlich bald Frieden. So hört man sagen. Man
hat den Krieg jetzt gründlich satt. Es geht jetzt sehr langsam vorwärts,
seit wir damals vor Paris so weit zurück mußten.
2. Januar 1915
Ein englisches Linienschiff versenkt. Über Dünkirchen
Flieger. Man hört viel aus den Schützengräben. Es geht oft sehr lustig
drin zu. Aber es ist auch sehr gefährlich...
8. Januar 1915
Im Westen toben schwere Kämpfe. Wir haben nördlich Arras
Schützengräben erobert, und die Franzosen kämpfen noch wütend darum.
Im Osten ist schreckliches Wetter. Die armen Soldaten müssen immer
im Schlamm stehen. Eis und Schnee ist auch furchtbar viel...
12. Januar 1915
In Dresden ziehen immer Regimenter aus. Sie sind herrlich
mit Blumen geschmückt und werden von allen beschenkt.
20. Januar 1915
Im Westen überall Artilleriekämpfe. Die Russen gehen
auch zurück. Man fängt jetzt tüchtig an zu sparen. Es gibt jetzt Brotmarken.
Den Tieren darf man kein Brot mehr geben. Man darf nur Kuchen von
Kartoffelmehl backen. England will uns nämlich aushungern, weil unser
Heer unbesiegbar ist. Wenn nur alle Menschen recht sparten! Es wäre
doch schrecklich, wenn wir einen Hungerfrieden machen müßten. Dann
wär' all das tapfere deutsche Blut umsonst vergossen worden,
weil wir hier drin nicht sparen. Das wäre schändlich!
Aus dem Dresdner Anzeiger:
| Der heilige Haß |
| |
| Ich bin ein Christ - und hasse doch |
|
Und schäme mich des Hasses
nicht;
|
| "Den Feind, du sollst ihn lieben
noch!" |
| Ich hör' es wohl - doch tu ich's nicht |
| |
| Man fügte mir manch' Böses zu, |
| Vergalt mir Glauben mit Betrug, |
| Ich senk' es in Vergessens Ruh |
| Und streich' es aus des Schuldners Buch. |
| |
| Jetzt ist nicht Zeit zu kleinem Haß, |
| Zu flachem Hieb und welkem Streit, |
| Jetzt blüht und glüht der große Haß, |
|
Jetzt brennt das heil'ge Herzeleid.
|
| |
| "Was sie mir tun, sie wissen's nicht." |
| Zum kleinen Hasse viel zu groß, |
| sprach Jesus seine Mörder los, |
| Entriß die Feinde dem Gericht. |
|
| Doch wenn in seines Vaters Haus |
| der Krämer mit dem Heuchler saß, |
| Fegt er sie mit der Geißel aus. |
| Das war sein flammend heil'ger Haß! |
|
|
Dem Volke Haß aus heil'gem
Grund,
|
| Das heute kreuzigt unsern Herrn, |
| Das sich ihm naht mit Gleißnermund, |
| Das Judasherz, ihm abgrundfern. |
| |
| Das mit der Lüge Drachenbrut |
| Den weiten Erdenkreis durchätzt, |
| Auf Brüder, die erkauft sein Blut, |
| Der wilden Horden Hölle hetzt! |
| |
| Ich bin ein Christ und hasse doch |
| Und schäme mich des Hasses nicht. |
| "Den Feind, du sollst ihn lieben doch!" |
| Ich hör' es wohl, doch tu ich's nicht. |
|
|
(Arthur Brausewetter)
|
8. Januar 1915
Vor Helgoland waren Seegefechte. Die Engländer hatten
große Verluste.
Februar
1915
1. Februar 1915
Wieder sind englische Dampfer versenkt worden.
5. Februar 1915
Die Besatzung der Emden hat sich auf eine kleine Dampfspinasse
mit 44 Maschinengewehren geflüchtet, ist von der Südsee, wo unsere
gute Emden untergegangen ist, bis nach Arabien gefahren und dort gelandet.
Die Feinde müssen geradezu blind sein! Man muß jetzt immer mehr mit
Brot sparen. Wir essen tüchtig Kartoffeln und Brei.
17. Februar 1915
Der neue Riesensieg Hindenburgs in Gegenwart
Sr. Majestät des Kaisers! Die 10. russische Armee, 11 Infanteriedivisionen
und mehrere Kavalleriedivisionen nach neuntägigen Kämpfen geschlagen,
mindestens 50 000 Russen gefangen, über 40 Geschütze, 60 Maschinengewehre,
unübersehbares Kriegsmaterial. Das ist zu herrlich!! Die russische
Dampfwalze geht immer weiter zurück.
26. Februar 1915
Calais wird von deutschen Fliegern beschossen. 1200
Russen gefangen.
März
1915
1. März 1915
In Italien wird es sehr brenzlig wegen Triest. Die Österreicher
verderben den Deutschen oft die ganze Sache. Ein Deutscher sagte einmal
zu einem Österreicher "Was habt ihr für schlechte Offiziere! Wir haben
viel bessere, auch bessere Mannschaften." "Na", sagt der Österreicher,
"das mag schon sein. Aber eins haben wir am besten. Das habt ihr nicht!"
"Na, was denn?" "Wir haben den besten Verbündeten von der Welt!" Das
stimmt. Denn sonst wären die Russen lange in Wien.... Die Russen sind
aus Memel raus. Wieder mal der alte, gute Hindenburg!
April
1915
4. April 1915
Am 1. April war ich in Dresden und habe was Herrliches
erlebt, nämlich die hundertjährige Geburtstagsfeier Bismarcks. Es
war herrliches Wetter. Der Altmarkt war ganz schwarz von Menschen.
Es hielt jemand eine Rede, von der ich aber nur manchmal hörte: Unser
Bismarck, ein einiges deutsches Volk usw. Dann sangen alle: Deutschland,
Deutschland über alles. Dabei flog Zeppelin über den Altmarkt. Dann
zogen alle Soldaten und alle Vereine und Schulen mit ihren Fahnen
nach dem Bismarckdenkmal. Es war herrlich feierlich! Das werd' ich
nie vergessen!
14. April 1915
Amerika schickt England immer Munition. Man sagt, wenn
das Amerika nicht machte, so wäre der Krieg bald zu Ende. Das wird
herrlich, wenn der Krieg zu Ende ist. Ich kann's mir noch gar nicht
recht vorstellen.
Ende April 1915
Im April haben die Feinde auch U 29 (Unterseeboot)
mit Weddigen (Kommandant) versenkt.
Das ganze Volk trauert darum. In der Nacht vom 15. zum 16. April haben
Zeppeline London mit Bomben betröpfelt... Die Ausländer sind jetzt
aus den großen Städten ausgewiesen worden, und da überströmen sie
alle unser armes Bärenfels und Kipsdorf (im
Erzgebirge). Das ist scheußlich. Sie sind so eingebildet,
als wären sie in ihrem Land. Neulich hat eine ganz laut gesagt, daß
man es hören konnte: "Na, die Deutschen kriegen schon ihre Strafe!"
Das ist ein entsetzliches Packzeug! Wenn sie nur erst wieder raus
wären!
Jetzt darf das Vieh nicht mal mehr Kartoffeln bekommen.
So, nun kommt eine Menge Kriegskalender, da habe ich lange nichts
zu schreiben...
(Es folgen für die Zeit bis
Anfang Juli 1915 sog. 'Kriegskalender', das sind tabellarische Aufzählungen
aller Ereignisse die mit dem Krieg in Zusammenhang standen; solche
Kriegskalender erschienen regelmäßig in den Tageszeitungen, die Tagebuchschreiberin
hat sie ausgeschnitten und eingeklebt und nur gelegentlich mit Kommentaren
versehen.)
Juni
1915
9. Juni 1915
Es gibt leider jetzt sehr viele Menschen, die immer
murren und nörgeln, wenn nicht jeden Tag glänzende Siege in der Zeitung
stehen. Manche aber murre über alles im Lande. Das ist sehr häßlich,
die sollten nur mal in den Schützengraben...
Juli
1915
2. Juli 1915
Nun geht's ausführlich los! Also, die erste Hauptsache:
Lemberg haben die Österreicher wieder und Przemysl. Als Przemysl wieder
erobert wurde, hatten wir gerade einen Ausflug gemacht. Als wir wiederkamen,
sahen wir, daß geflaggt war. Das war ein Jubel! Und dann erst Lemberg!
Wir hatten gerade im Garten Schule, da kam Vater und hißte die Fahne.
In Dresden hatten alle Schulen gleich frei. Aber wir natürlich nicht.
Das ist zu dumm. Es heißt, die Russen wären jetzt überhaupt so ziemlich
aus Galizien raus. Da haben aber die Deutschen tüchtig geholfen. Daß
Italien den Krieg erklärt hat, steht zwar auch im Kriegskalender,
aber ich muß doch noch darüber schreiben. Die Deutschen sind alle
sehr empört, daß die Verbündeten auch noch angefangen haben. Aber
man nimmt es mit großer Ruhe auf.. Ich habe gehört, daß die Italiener
am liebsten schon wieder Frieden schlössen. Na, jetzt macht der deutsche
Michel nicht gleich mit...Wir fangen jetzt wieder Schiffe ab, die
den Engländern aus Amerika Waren bringen. In Rußland soll es schon
Brot von Baumrindenmehl geben. Ob's wahr ist, weiß man nicht.
Es müssen jetzt alle Goldstücke abgegeben werden, ich
weiß selbst nicht ganz genau wozu. Ich glaube, es kommt zum Kriegsschatz
und daß die Soldaten im Feindesland Geld haben. Es wird uns gegen
Silber oder Papiergeld umgetauscht. Aber viele wollen ihr Gold leider
nicht hergeben. Da bekamen wir Zettel in der Schule und müssen zu
allen Leuten gehen und sie bitten, doch das Gold abzugeben. Es hieß:
"Wenn ihr 40 Goldstücke habt, bekommt ihr einen Tag schulfrei!" Aber
das wurde leider nichts.
Man gibt auch alte Goldsachen ab, z.B. alte Ringe, Ketten
usw. oder auch Silbersachen. Da bekommt man ein Rundbild (früher Medaillon
oder Medaille), dadrauf steht: Gold gab ich für Eisen. Wir haben auch
schon eins.
An dieser Stelle ist der genannte
"Zettel", ein Aufruf an die Schuljugend eingeklebt:
3. Juli. 1915
Französische Gräben in den Argonnen gestürmt. Die Russen
ziehen im Südosten immer weiter zurück. Es heißt, die Franzosen hätten
furchtbare Verluste. Na, denen gönnt man's; den Engländern natürlich
am meisten. Die Russen haben die Leute, die an der galizischen Grenze
wohnen, ins Innere Rußlands geschickt. Sie denken, wenn die Deutschen
und Österreicher rüber kommen, die werden sich rächen. Na, so sind
die Deutschen nicht.
Zeitungsausschnitt: Unter dem
Bild eines mit dem gallischen Hahn, der britischen Bulldogge und dem
russischen Bär kämpfenden Adlers steht zunächst das folgende Motto:

Danach liest man diese Verse:
| Deutsche Art |
|
| Deutsch sein heißt wahr sein im innersten Grunde, |
| Wahr mit dem Herzen und wahr mit dem Munde; |
| Wahr blickt das Auge, und wahr drückt die Hand, |
| Daß ist die Stärke von unserem Land. |
|
| Deutsch sein heißt treu sein durch alle
Gefahren; |
| Brüderlich wollen die Treue wir wahren, |
| Rechten und feilschen nicht um unser Wort: |
| Wie wir's gegeben, so klingt es auch fort. |
|
| Deutsch sein heißt stark sein im ärgsten Gedränge. |
| Laßt sie nur wachsen, die feindliche Menge! |
| Stärke der Deutschen wächst immer noch mehr: |
| Riesenstark steht unser glorreiches Heer. |
|
| Treu, wahr und stark sein gehören zusammen, |
| Steigt auf zum Himmel, ein einziges Flammen; |
| Ewiglich bleib' dieser Ruf uns gewahrt: |
| Treu, wahr und stark sein ist echt
deutsche Art. |
|
|
Dora Polligkeit
|
4. Juli 1915
Das war aber heute herrlich! Wir hatten neun Soldaten
eingeladen. Die waren alle so lustig, nur zwei waren ziemlich still.
Sie haben immer Lieder gesungen. Einer sang: "Drum Mädchen, weine
nicht, sei nicht so traurig, wisch dir die Augen aus mit Sandpapier!"
Sie haben aber sehr wenig vom Krieg erzählt, drei hatten Lungenschüsse.
Als wir vorschlugen, sie sollten singen: "Weh, daß wir scheiden müssen",
sagten sie immer: "Jetzt gehen wir noch lange nicht." Es war zu lustig....
7. Juli 1915
...Irgendein Mann, ich glaube Fabrikbesitzer war er,
hat über 2000 Mark Strafe zahlen müssen, weil er keine Wehrsteuer
gezahlt hat. Vater sagt: "Das ist sehr richtig!" Aber ich weiß noch
nicht ganz genau, was Wehrsteuer ist. Ich muß noch mal fragen.
9. Juli 1915
Von unsern Kriegern draußen erfährt man oft sehr interessante
Sachen. Sie gewöhnen sich alle sehr an den Kanonendonner und all den
Schlachtenlärm. Aber Hans (ein Vetter)
schreibt, daß Schrecklichste wären die feindlichen Scheinwerfer und
Leuchtkugeln. Dabei könnte man nicht schlafen. Ich denke mir das auch
entsetzlich. Unser Genesender3,
Herr Rudolph, erzählte heute: "Wenn in der Nacht gekämpft wird, und
wenn die Feinde plötzlich die Scheinwerfer auf Truppen richten, daß
ist gräßlich. Sobald es nämlich wieder dunkel ist, soll man sich gleich
hinlegen, weil dann die Kerle anfangen zu schießen. Aber dann ist
man meistens so in Wut, daß man immer weiter vorstürmen möchte. Das
kostet große Beherrschung!"...
(Gelegentlich wurde das Tagebuchsdireiben
auch als recht anstrengende Pflicht empfunden:)
12. Juli 1915
Heute ist Ruth fort (eine enge
Freundin), und da muß ich nun allein Kriegstagebuch schreiben.
Es wird auch heute nicht viel werden. In der Zeitung steht: Lebhafte
Kampftätigkeit im Westen - Deutscher Fliegerangriff auf die Bahnanlagen
von Geradmer - Gefechte südlich von Krasnostaw. Das sind die Hauptüberschriften.
Mehr kann ich heute nicht abschreiben, denn es steht noch ziemlich
langer Klimbim drunter. Das würde zu lange dauern. Heute früh hat
so ein altes Kriegsklatschweib erzählt, die Russen hätten 15000 deutsche
Gefangene. Ich bekam einen Heidenschreck. Aber Gott sei Dank ist es
nicht wahr. Es wird gräßlich geklatscht. Das ist zu dumm. Da kommen
manchmal furchtbare Irrtümer zusammen...
14. Juli 1915
Gestern wurde telefoniert, ob wir noch einen Verwundeten
aufnehmen würden. Die Eltern sagten natürlich: "Ja!" und nun erwarten
wir ihn stündlich...Hans ist leider verwundet, aber Gott sei Dank
nur eine leichte Fleischwunde. Hoffentlich bekommt er bald mal Urlaub....
Herr Rudolph erzählte neulich von einem vorgeschobenen Nachtwachposten.
Es soll schauerlich sein. Man hört immer den Kanonendonner und das
Schreien der Verwundeten. Und die Wildenten und Käuzchen sollen auch
einen entsetzlichen Ton von sich geben. Und plötzlich ist die ganze
Gegend von feindlichen Scheinwerfern hell erleuchtet. Es muß schauerlich
sein. Herr Rudolph sagt, da arbeiteten die Nerven wie im ganzen Leben
nicht. Wir haben heute furchtbaren Sturm und Regen. Es muß doch schrecklich
sein, wenn solches Wetter bei einer Schlacht ist, oder im Schützengraben!
15. Juli 1915
Erfolgreiche Sturmangriffe in den Argonnen. Südwestlich
von Bouvenilles (?) stürmten unsere Truppen die feindliche Höhenstellung
in einer Breite von 3 km und einer Tiefe von 1 km. Ist das nicht herrlich!
Wieder ein Stück vorwärts! Das ist hauptsächlich durch die giftigen
Gase. Das ist jetzt eine neue Erfindung.
18. Juli 1915
(Neben einer farbigen Ansichtskarte
mit dem Bild Hindenburgs): Hier ist er, der gute Hindenburg.
Was wir ihm nicht alles zu verdanken haben! Gestern abend gingen wir
noch ein Stück spazieren, als wir nach Haus kamen, sagte Richter,
unser Kutscher "In Kipsdorf läuten sie mit allen Glocken." Wir horchten,
und wirklich, soviel man durch den Sturm hören konnte, läuteten alle
Glocken. Wir gingen gleich zu Bäcker Müllers und fragten, was denn
los wäre. Die wußten's auch nicht, da telefonierten wir zur Post:
"Großer Sieg Hindenburgs. 26000 Russen gefangen!" Hurra, hurra, hoch
Hindenburg!!
21. Juli 1915
Jetzt sind es schon über 40 000 Russen geworden. Fein!!
- Also der neue Verwundete, Schmiedel, ist jetzt da! Er ist sehr nett
und furchtbar lustig. Er hat einen Schuß in den linken Unterschenkel.
Die Nerven sind zerrissen und wieder genäht worden. Das macht tüchtige
Schmerzen. Er läßt sich aber nichts merken. - Es geht an allen Fronten
langsam vorwärts.
23. Juli 1915
Heute habe ich einen langen Brief an Hans geschrieben.
Er ist schon aus dem Bett. Die Wunde scheint ganz gut zu heilen. -
Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn Frieden ist.
Es muß doch wie der Himmel auf Erden sein. Na, erst müssen wir die
Kerle tüchtig klein kriegen...Ob es später interessant sein wird,
so'n Kriegstagebuch zu lesen? Ach, später!? Was wird noch alles werden?
Wenn ich erst Großmutter bin und geb' meinen Kindern und Enkeln das
Buch zu lesen. Zu komisch! Jetzt bin ich noch nicht mal ganz 15 und
ein ganz verrückter Kerl. Na, aber das gehört nicht ins Kriegstagebuch....
(Einen Begriff von der Euphorie
über die Erfolge der Mittelmächte bei deren Offensive an der Ostfront
im Juli/August 1915 vermitteln die folgenden Einträge:)
24. Juli 1915
...Liebes Buch, denk' nur, heute abend noch ein großer
Sieg Hindenburgs. Morgen will ich mehr schreiben.
Hurra, hurra, hurra! Hoch Hindenburg!
Lieber Gott, dir danken wir! Amen!
So wird morgen wieder in allen Kirchen gemeinschaftlich
gebetet werden!
25. Juli 1915
Ja, das war herrlich gestern. Ich will nur von vornean
alles erzählen. Also: Wir spielten im Hof Kegel, Wolf (ihr
älterer Bruder), Herr Schmiedel, Trudchen und ich. Die
Eltern, Großmutter und Tante Marthe sahen zu. Da sagte Mutti: "Horcht
mal die Glocken läuten doch!" Wir hörten es auch. Vater sagte: "Das
wird für einen Gefallenen sein. Aber ihr könnt ja mal runtertelefonieren!"
Ich raste, so fix wie ich konnte, zu Müllers und fragte in der Post
an, warum geläutet würde. Antwort: "120 000 Russen gefangen und zwei
kleine Festungen erobert." Ich schrie es gleich durch das ganze Müllersche
Haus und raste nach Hause. Unterwegs rief ich's auch jedem Menschen
zu. Als ich's zu Hause verkündete, war Riesenjubel. Die Eltern schickten
uns vier jungen Menschen noch mal nach Kipsdorf, um Genaueres zu erfahren.
Da war tüchtiger Trubel. Es wurde sogar Feuerwerk gemacht. Ach, es
war zu herrlich. Wir nahmen auch Feuerwerk mit nach Bärenfels. Als
wir nach Hause kamen, saßen alle im Wohnzimmer bei Wein und Kirschkuchen,
und auf einem Stuhl stand das Bild vom guten Hindenburg. Dann gingen
wir auf die Wiese und ließen Leuchtkugeln in die Luft steigen. Es
war herrlich!! Zu herrlich! Ich werd' das nie vergessen. Dann gingen
wir rauf und spielten dem Hindenburg noch Klavier und Violine vor.
Das war ein himmlischer Abend!!...
August
1915
4. August 1915
Nun ist's schon über ein Jahr Krieg, ganze 365 Tage!
Mir kommt es viel, viel kürzer vor. Es ist aber wirklich ein Stolz,
daß wir noch so stark sind. Es heißt immer "Jetzt kommt die Entscheidungsschlacht
im Osten vor Warschau!" Na, das hieß es schon so oft. Wann wird Frieden
sein? — Wer das wüßte!
5. August 1915
Mein liebes, liebes Tagebuch, fast gar nichts bekommst
du mehr zu hören. Was sollen meine Kinder später denken, wenn die
dich mal lesen. "So 'ne faule Mutter!" Aber viel Neues gibt's jetzt
nie. Wenn wir nur erst Warschau hätten. Die beiden Feldgrauen, Herr
Rudolph und Herr Schmiedel und Wolf unterhalten sich immer über den
Krieg und all sowas...in so vielem hat der Krieg uns genützt. Erstens
hat er das ganze Volk und Kaiser und Volk viel näher zusammengebracht.
Und dann hat auch das deutsche Volk ein so sehr, sehr festes Gottvertrauen
bekommen, wie kein anderes Volk. Der Kaiser hat jetzt, weil der Krieg
nun ein Jahr lang ist, eine herrliche Rede an sein Volk gehalten.
Sie steht in allen Zeitungen. Ich glaube, kein anderes Volk liebt
seinen Herrscher so wie wir Deutschen. Ich bin so furchtbar froh und
glücklich und stolz, daß wir einen solchen Kaiser haben und
daß ich überhaupt deutsch bin.
Am 5. August Warschau gefallen. Hurra,
Hurra, Hurra!!
(Mitte August 1915 klebt die
Schreiberin auf sechs Seiten aus der Zeitung ausgeschnittene Karten
ein, die den Frontverlauf zeigen. Ihr Kommentar:)
Es ist herrlich, wie viel wir schon besetzt haben.
21. August 1915
Nun hat die Schule wieder angefangen, und ich muß wieder
regelmäßig Kriegstagebuch schreiben. Es läuten jetzt sehr oft die
Glocken, denn in Rußland geht es sehr fix vorwärts. Die Engländer
haben zur allergrößten Freude auch wieder was abgekriegt. Auf London
sind Bomben geworfen worden, und wir haben auch ein paar Schiffe versenkt.
Da freut man sich immer am meisten, wenn England mal ein paar Tüchtige
auf den Kopf bekommt.- Nun hat sich unser guter Hermann-Kutscher wieder
verabschiedet, um ins Feld zu gehen. Er sagte immer "Na, vielleicht
ist bald Friede!" Er wohnt in einem halbzerschossenen französischen
Dorf. Er kann viel erzählen. Als Warschau gefallen war, haben sie
ganz laut "Hurra!" gerufen. Da haben die Franzosen wie doll angefangen
zu schießen. Sie dachten, die Deutschen wollten einen Angriff machen,
weil sie da auch immer "Hurra!" rufen.
23. August 1915
| Der Feldsoldat |
|
| Hoch am Gewehr den Blumenstrauß, |
| so zogen feldgrau wir hinaus. |
| Der Weißdorn trug schon rote Beer'n; |
| wann werden wir wohl wiederkehr'n? |
|
| Durch manche Stadt marschierten wir, |
| in manchem Dorf quartierten wir; |
| an manchem Friedhof ging's vorbei, |
| der Kreuze stürzten viel entzwei. |
|
| Der graue Rock ist worden fahl, |
| das Feld liegt wüst und welk, und kahl; |
| an einem langen Massengrab |
| stelzt eine Krähe auf und ab. |
|
| Wo einst der Weißdorn hold geblüht, |
| da wird nun rotes Blut versprüht; |
| aus einem schwarzen Trümmerherd |
| stiert ein verlaßnes Wiegenpferd. |
|
| Bald kommt die liebe Weihnachtszeit, |
| von Frieden träumt die Christenheit, |
| den Menschen all'n zum Wohlgefall'n; |
| wir hören die Kanonen knall'n. |
|
| Wohl schickt die Heimat Liebesgab'n, |
| wir freu'n uns d'rauf im Schützengrab'n; |
| es friert die Haut, es knurrt der Darm, |
| ums Herze aber ist uns warm. |
|
| O Weißdorn mit den roten Beer'n, |
| was wird der Frühling uns bescher'n? |
| Das alles ruht in Gottes Hand; |
| wir bluten gern für's Vaterland. |
|
|
Richard Dehmel
|
Weitere Fortschritte im Osten. Über 8500 Russen gefangen.
25. August 1915
Heute steht in der Zeitung: "Die Höhen bei Brest-Litowsk
erstürmt. Fortschritte auf der ganzen Ostfront. Über 7000 Russen gefangen."
So geht es fast jeden Tag. Es ist zu herrlich!
27. August 1915
Brest-Litowsk gefallen! Schulfrei! Hurra!!
Herrlicher Ausflug!
30. August 1915
Verfolgung der Russen auf der ganzen Front. Die Russen
treiben Frauen und Kinder vor ihren Linien, damit die Deutschen nicht
soviel schießen. Es ist doch schrecklich roh. Ihre eigenen Landsleute
jagen sie vor die Front, damit sie dann sagen können: "Die Deutschen
schießen auf wehrlose Frauen und Kinder." Ich kann mir gar nicht vorstellen,
wie sie das fertigbringen.
31. August 1915
Weitere Verfolgungskämpfe auf der Ostfront. Lipsk am
Bobr erstürmt. Die Russen bei Suchopol geworfen. Westlicher Kriegsschauplatz:
keine besonderen Ereignisse.
Jetzt habe ich keinen Tag Zeit gehabt, gründlich zu
schreiben. Das will ich heute tüchtig besorgen. Also, erstens mal
von unserem Sieg bei Brest-Litowsk. Wir waren Donnerstag in Oberbärenburg.
Ruth und ich ganz allein in meinem herrlichen Walde. Da hörten wir
plötzlich von ganz fern die Glocken läuten. Es klang so feierlich
durch den weiten stillen Wald. Wir lauschten und dachten im Stillen:
"Ob es wohl ein Sieg ist?" Ach, es war so herrlich feierlich, als
wir auf einen Schlag kamen und über weite, weite Berge und viel, viel
Wald sahen, und dabei läuteten die Glocken der evangelischen und katholischen
Kapelle unaufhörlich. Als wir in Oberbärenburg ankamen, wurde uns
gleich gesagt: "Brest-Litowsk ist gefallen, wißt Ihr's schon?" Wir
wußten's natürlich nicht. Ach Hindenburg, könnt' ich dir nur gleich
danken. Es ist zu herrlich, deutsch zu sein! Als wir dann nach Hause
kamen, läuteten wieder die Glocken, und die Fahnen waren alle gehißt.
Ich glaube, hier in unserem Dorfe ist es viel feierlicher, einen Sieg
zu feiern als in der Stadt. Und dann wurde uns gesagt, daß wir den
nächsten Tag siegesfrei hätten und einen herrlichen Ausflug machen
wollten. Wir konnten kaum alles Glück auf einmal fassen, zu herrlich!
Ihr tapferen Feldgrauen, wir können euch gar nicht genug danken.
(Den vielfachen Aufrufen folgend,
Patenschaften für Soldaten zu übernehmen, ließ sich Nessi die Feldadresse
des Bruders von Herrn Rudolph geben, der bei ihren Eltern auf Erholungsurlaub
war, und schickte ihm Päckchen an die Front. Den ersten Dankbrief
des Soldaten klebte sie in ihr Tagebuch:)
An der Front, 23.8.1915
Wertes Fräulein!
Als ich heute mittags aus dem Schützengraben heimkehrte
in den Unterstand wie gewöhnlich, wird sogleich die liebe Feldpost
ausgeteilt, der einzige schöne Augenblick des Tages. Wer wartet nicht
auf die Feldpost, ein Gruß aus der Heimat, das wirkt auf uns Feldgraue,
wie ein nicht allzufernes Glück. Wenn man aber nun gar ein Paketel
bekommt, dann fühlt man sich gleich noch einmal so unternehmend. Und
so fühle ich mich heute von allem etwas, das ist so die richtige Feldpackung.
Und Sie, Sie haben mir diese Freude bereitet, wofür ich mich bestens
bedanke. Nun ist mir eins nur unklar, ob meine ungekannte Spenderin
noch ein Frl. ist, wie ich annehme, oder schon eine Hausfrau. Wenn
dies der Fall wäre, bitte ich vielmals um Verzeihung, ich habe die
ganze Packung abgesucht, nirgends habe ich mir Gewißheit verschaffen
können, doch das wird sich wohl klären. - Nun ich glaube, wir alle
wünschen wohl den Frieden, den wir hier draußen in ca. 6 bis 8 Wochen
erwarten. Der Russe wird mit Gewalt verjagt, und der Franzmann bei
uns wird in nächster Zeit das Rennen beginnen, nach unseren Vorbereitungen,
die wir jetzt getroffen. Betreffs der besonderen Wünsche, so lege
ich dies, falls Sie mich wieder einmal beglücken wollen, ganz in Ihre
Hand, nur einen Wunsch hätte ich: bitte keinen Alkohol zu senden,
da dies bei uns verboten ist und uns nicht leistungsfähig hält. In
der Hoffnung, daß Sie der Brief so gesund antrifft, wie er mich verläßt,
und wenn es Ihnen möglich ist, grüßen Sie meinen Bruder, dem ich ebenfalls
gute Besserung wünsche, sowie die besten Grüße an Ihre werten Angehörigen
und nochmals besten Dank und bitte um Entschuldigung, da nur mit Blei,
Tinte ist bei uns jetzt Fremdwort geworden. Besten Gruß und Dank.
Georg Rudolph, Reservist im Pionier Btl. 12
NB: Für einen gefangenen Pionier zahlt die franz.
Regierung 15 Frk. Die Franzmänner haben bloß kein Glück!
| Deutscher Knabenwunsch |
|
| Daß ich Soldat jetzt wäre, |
| Wie schlüge stolz mein Herz! |
| Ich stritt' für Deutschlands Ehre |
| Am Rhein und allerwärts. |
|
| Ich finge zehn Franzosen |
| An einem Tage ein |
| Mit ihren roten Hosen, |
| Paris müßt' unser sein. |
|
| Dem russischen Bären drüben |
| Zerzauste ich das Fell, |
| Daß er vor deutschen Hieben |
| Das Weite suchte schnell. |
|
| Den Briten klein zu kriegen, |
| War' ich gewiß nicht faul, |
| Daß, vor den deutschen Siegen |
| Verstummt' sein Lügenmaul. |
|
| So ging' es euch ans Leder, |
| Hätt' ich das Schwert zur Hand, |
| Und so denkt bei uns jeder |
| Im deutschen Vaterland! |
September
1915
3. September 1915
Heute abend hörten wir, daß Gradno gefallen sei. Hoffentlich
ist es wahr. Das wäre herrlich! Gradno ist schon wieder ein guter
Eisenbahnknotenpunkt nach Wilna. Es geht im Osten sehr fix vor.
6. September 1915

Die Überschrift ist jetzt sehr oft in der Zeitung. Jeder
Deutsche soll von seinem Gesparten soviel wie möglich geben, daß die
Kriegskosten bestritten werden können. Wir geben auch unser Sparkassengeld.
7. September 1915
Englische Kreuzer versenkt. Verlust eines deutschen
Unterseebootes.4
Heute haben wir erfahren, daß Onkel Gustav das Eiserne Kreuz 1. Klasse
bekommen hat. Er hat schon 5 Orden. Das ist herrlich!! Bei Arras sollen
jetzt furchtbare Kämpfe toben.
8. September 1915
Hartnäckige Kämpfe östlich und südöstlich von Gradno.
Die Russen bei Chomsk geworfen. Feindlicher Fliegerangriff auf Lichterfelde
in Westflandern.
26. September 1915
Heftiger französisch-englischer Angriff auf der ganzen
Front. Schwere Verluste der Feinde. Fortschritte im Osten. In Rußland
geht es immer weiter vorwärts. Wir haben jetzt auch Wilna eingenommen.
Man munkelt jetzt, im Westen bereite sich ein großer Schlag vor. Wolfgang
(Bruder) erzählte mir, daß das
etwas Wichtiges wäre, und daß vieles davon abhinge. Heute war Erntedankfest
in der Kirche. Wir können wirklich nicht genug danken, daß wir auch
dieses Jahr eine so reiche Ernte haben. Jetzt muß alles Kupfer, Messing
und Nickel abgegeben werden, damit wir genug Munition machen können...
Es ist zu schade, daß ich dem Vaterlande nicht durch die Tat nützen
kann. Ich kann höchstens Geld geben oder irgend etwas anderes. Ich
möchte aber gern was tun, was für mich wirklich ein Opfer ist. O,
da weiß ich jetzt was. Ich gebe meine Lieblinge, meine beiden Kaninchen
Fritz und Liese zum Roten Kreuz. Das gibt schon Fütterung für ein
Paar Soldatenstiefel. Grauchen und Purzelchen gebe ich auch, wenn
sie groß sind. Das ist dann für mich ein richtiges Opfer und nützt
auch schon ein bißchen.
| In Feindesland |
|
| Nicht fern vom deutschen Hauptquartier |
| Ein Kirchlein liegt - im Kranz von Blüten, |
| Und wie ich öffne leis die Tür, |
| Umfängt mich süßer Gottesfrieden. |
|
| Wo ew'ges Licht die Wache hält |
| Und heil'ge Stille, wunderbare |
| Kniet, sanft von Dämmerlicht erhellt, |
| Schon ein Soldat am Hochaltare. |
|
| Im grünen Mantel eingehüllt, |
| Das Haupt gesenkt, er innig betet. |
| Mir greift's ans Herz, das edle Bild, |
| Wie er mit seinem Gotte redet. |
|
| Dann kommt er still im Abendlicht |
| Vorüber mir - mein Herz schlug leiser - |
| Ich schaut' ihm voll ins Angesicht: |
| Der fromme Beter war der Kaiser. |
|
|
H. v. Dittmar
|
Oktober
1915
9. Oktober 1915
Jetzt habe ich furchtbar lang nichts geschrieben. Es
waren auch unterdessen Ferien. Ich hole nichts nach, denn das würde
zuviel Zeit wegnehmen. Nur die Hauptsache will ich schreiben: Jetzt
ist es umgekehrt: Von Osten hört man wenig und vom Westen sehr viel.
Es kostet im Westen furchtbar viel Menschenopfer. Fast jeden Tag liest
man einen bekannten Namen unter den Todesanzeigen.
Die dritte Kriegsanleihe hat 12 Milliarden Mark
eingebracht.
In Dresden gibt es jetzt auch Marken für Trockengemüse...
12 Oktober 1915
... In Frankreich in der Champagne finden oft gräßliche
Kämpfe statt. Wir haben auch furchtbare Verluste. Die Franzosen haben
von Amerika schrecklich viel Munition und schießen immerfort. Jeder
ist über das entsetzliche Menschenmorden empört...
14. Oktober 1915
...Ich weiß nicht, ob ich schon mal vom Frauendank geschrieben
habe. Ich glaube noch nicht! Es ist ein Bund der deutschen Frauen
und Mädchen für die invaliden Krieger. Mutti wirbt in Bärenfels, Bärenburg,
Schellerhau, Kipsdorf und den anderen Dörfern hier in der Nähe Mitglieder.
Ich bin natürlich auch Mitglied und zahle jeden Monat 25 Pf. Das ist
nicht viel, der Mindestbeitrag.
15. Oktober 1915
Über London sind Bomben geworfen worden. Das gönne ich
den Engländern von Herzen.... Die Engländer und Franzosen landen in
Saloniki, um den Serben Munition zu bringen. Griechenland ist neutral.
Daß England einfach durch Saloniki geht, ist eine Unverschämtheit,
die sich bloß die "Herren Engländer" leisten können... Bulgarien hat
an Serbien den Krieg erklärt! Hurra! Alle sagen, nun wird der Krieg
ganz anders. Hoffentlich geht Griechenland auch noch gegen England
und die anderen. - Überall, wo man hinkommt, klagen alle, ihre Söhne
aus Frankreich hätten alle schon eine Art Abschiedsbrief geschrieben.
Heute wurde uns erzählt, von einem Bataillon, d. i. 300 Mann, sind
nur 14 zurückgekehrt. Das ist doch schrecklich! Die Franzosen haben
noch mehr Verluste.
19. Oktober 1915
Die Engländer sind gar keine Menschen mehr, sie sind
gar nicht wert, daß sie auf der Welt sind.5
Ein deutsches U-Boot hatte ein englisches Schiff aufgegabelt, und
die deutsche Besatzung war gerade auf dem Schiff, da kam ein anderes
Schiff mit amerikanischer Flagge. Wie das Schiff näherkommt, fällt
die amerikanische Flagge, und die englische wird hochgezogen. Dann
sind die Engländer auf das Schiff gekommen und haben die Deutschen
niedergemordet. Viele Deutsche sind ins Wasser gesprungen, die haben
sie im Wasser erschossen. - Wenn in einem Land ein Mann gegen einen
anderen so niederträchtig ist wie die Engländer, dann gibt's wenigstens
ein Gericht. Hier gibt's aber gar nichts, kein Mensch kann was dagegen
tun. Wenn nur der schreckliche Krieg bald zu Ende wäre! Die Engländer
denken sich noch wer weiß was für Greueltaten aus! Aber es muß doch
zu was nütze sein, denn...:"...und wie es auch sein mag, alles ist
gut im Sinne des Schöpfers!" Der liebe Gott hat es uns sicher zu unserm
Guten geschickt. Wenn man ganz fest so denkt, kann man eigentlich
nie verzagen.
31. Oktober 1915
Mein Kriegstagebuch ist eigentlich nur noch ein Kriegsgelegenheitsbuch,
so selten schreibe ich nur noch. Ich wollte, es könnte anders sein.
Ich habe aber immer sehr viel zu tun, und da bleibt wenig Zeit für
das alte gute Kriegstagebuch.
Meine Kaninchen habe ich nicht für das Rote Kreuz gegeben.
Sie hatten zu kleine Fellchen. Ich habe sie unserm Kutscher Richter
geschenkt. Wenn ich offen sein will, so muß ich auch gestehen, daß
mir die lieben kleinen Dingerchen zum Schlachten zu leid taten, und
ich bin deshalb ganz froh, daß sie so klein sind.- Der englische König
ist vom Pferd gestürzt und verletzt worden. Es ist aber (leider!!)
nicht sehr schlimm. Die Serben bekommen jetzt ihre wohlverdiente Strafe,
sie werden ganz und gar umzingelt.... - Es ist jetzt alles sehr teuer,
die Butter kostet schon 3,40 Mark. Da haben sich in Chemnitz 600 Frauen
zusammengetan und haben in der Stadt einen Aufruhr gemacht und die
Fensterscheiben der Läden zertrümmert, so daß das Militär mit aufgepflanztem
Bajonett gekommen ist. Die Butter ist schon am nächsten Tage um ein
Beträchtliches im Preise gesunken. Aber es ist doch schrecklich, daß
die Frauen so unvernünftig sind.
November
1915
22. November 1915
Eine halbe Ewigkeit habe ich wieder nicht geschrieben.
Es ist jetzt Schnee, und da bin ich alle freie Zeit draußen und laufe
Schneeschuh. Es passiert (Halt! Fremdwort!) geschieht auch wirklich
sehr wenig....Die Nahrungsmittel sind alle ziemlich teuer. Die Engländer
werden triumphieren! Na, ich verstehe ja nichts, aber ich denke mir,
die Männer, die an der Spitze stehen, richten das schon gut ein...
24. November 1915
Jetzt gibt es auch Butter- und Fettmarken. Na, da werden
sich ja manche umgucken! Die Person bekommt ½ Pfd. Butter in
der Woche. Wir essen längst nicht soviel. Es gibt eine praktische
Butterverlängerung, die Mutti immer macht. Sonst brauchten wir 5 Pfd.
in der Woche und jetzt nur 1 Pfd.
Dezember
1915
5. Dezember 1915
Jetzt beginnt man wieder oder ist meistenteils schon
fertig, Weihnachtspakete für die Krieger zu packen. Wir haben auch
sehr viel rausgeschickt. In drei Wochen ist schon Weihnachten. Voriges
Jahr sagte jeder: "Na, nächstes Jahr wird wohl Frieden sein." Dieses
Jahr spricht man ebenso vom nächsten. Ob man wohl diesmal recht hat?...Nächstes
Jahr um diese Zeit wird man's wissen!...
England ist unverschämt. Das sagt jeder. Es stellt an
Griechenland wahnsinnige Forderungen und verletzt Griechenlands Neutralität,
daß es einfach haarsträubend ist! Sie wollen auch mit Deutschland
Frieden schließen, wenn wir alles feindliche Land, was wir bis jetzt
haben, wieder hergeben und unendlich viel Geld bezahlen. Es ist ja
ganz umsonst, ein Wort über solche Borniertheit zu verlieren. Da macht
natürlich kein Mensch mit!
26.Dezember 1915
Weihnachten ist vorüber! Es ist so viel Neues geschehen,
daß ich gar nicht alles ausführlich aufschreiben kann...Es war ein
großer Reichstag.... Butter gibt's fast keine mehr. Von Ost und West
hört man wenig. Aber mit Serbien ist's hin.6
1916
Januar
1916
4. Januar 1916
Ein neues Jahr, eine neue Seite! Was wird das neue Jahr
mit sich bringen?-?- Es heißt, an einen Frieden wäre noch gar nicht
zu denken. Aber kann denn nicht ein Wunder geschehen, wie früher?
Wenn man so fragt; sieht man nur Achselzucken. Die Menschen will ich
auch nicht fragen. Sie können's alle nicht wissen. Es heißt eben:
durch!
In der Zeitung steht heute: "Alle russischen Durchbruchsversuche
gescheitert." Man überliest das so einfach. Aber man sollte sich mal
überlegen, was es heißt: alle Angriffe der Russen zurückgewiesen!
19. Januar 1916
...Das Allerneueste: Montenegro bittet um Frieden....Die
Butter ist immer noch tüchtig knapp...
Februar
1916
6. Februar 1916
Heute ist schon der 6. Februar. Jede Woche wollte ich
einmal schreiben und das ist nicht mal geworden. Es ist unterdessen
viel geschehen: Über Freiburg waren wieder französische Flieger. Tante
Else schrieb, es wäre sehr unheimlich gewesen. Es war gerade in der
Kaiser-Geburtstagsnacht. Aber ich glaube, angerichtet haben sie nicht
viel. Der zweite Geburtstag unseres herrlichen Kaisers war sehr schön.
Und es ist auch herrlich, wie fest und einmütig das deutsche Volk
jetzt zu seinem Kaiser steht. Alle Ausländer beneiden uns um ihn,
und wir sind stolz.- Als Antwort auf den Freiburg-Angriff waren von
uns Zeppeline über Paris und auch in England. Einer ist leider verunglückt.
Er mußte in der Nordsee landen...
7. Februar 1916
Heute steht in der Zeitung, daß ein englischer Kreuzer
gesunken ist. Fein!
Es gibt jetzt für alle Hauptnahrungsmittel Karten...z.B.
für Brot, Mehl, Butter, Milch, Trockengemüse. Es ist alles so gut
geregelt. Aber viele Leute aus dem Volk sind so schrecklich unvernünftig.
Es gibt eine Kriegsfürsorge, wo arme Leute alles bekommen: Essen,
Kleidung, Kohlen, Spielzeug u.a. Da machen nun viele Betrug und sind
furchtbar undankbar. Sie können gar nicht verstehen, daß man fürs
Vaterland mal ein kleines Opfer bringen kann. So schön wie es auch
ist, daß unsere Truppen draußen immer siegen, so traurig ist's auch,
daß es jetzt in Deutschland so viele Hetzer gegen die Christenheit
gibt und daß überhaupt keine schöne Stimmung unter dem niedrigen Volk
ist. Ein Amerikaner hat gesagt: "Deutschland wird siegen, ob es sich
aber nach dem Sieg im Innern halten kann, das ist die Frage!"7
27. Februar 1915
Heute steht in der Zeitung, daß ein Fort von Verdun
gefallen sei.8
Die Engländer haben viele Handelsschiffe bewaffnet,
um sich verteidigen zu können. Aber da haben wir Deutschen gemerkt,
daß diese Handelsschiffe auch Angriffe machten. Deshalb wird der Unterseebootkrieg
verschärft...
März
1916
9. März 1916
Das Fort von Verdun, das gefallen ist, heißt Doumont.
Es ist große Beute gemacht worden. Jetzt wird um die anderen Forts
gestritten... Jeder denkt, daß wohl auch Portugal noch den Krieg anfangen
wird, oder vielmehr wir werden ihnen den Krieg erklären, weil sie
von uns Schiffe beschlagnahmt haben.
11. März 1916
Jetzt haben wir Portugal auch den Krieg erklärt. Man
ist nicht erstaunt, bestürzt oder gar erschrocken, die Portugiesen
sind auch zu unverschämt...
Vorige Woche war ich in Dresden. Da kam gerade die Nachricht,
daß ein Schiff, die Möwe, das sich monatelang im großen Meer rumgetrieben
hatte, zurückgekehrt sei. Sie hatte viele Schiffe versenkt und große
Beute gemacht. Sie hatte allein 1 Million Mark in Goldbarren an Bord.9
In Dresden war natürlich großer Jubel.
20. März 1916
Jetzt soll man die 4. Kriegsanleihe zeichnen. Von 50
Pfg. an dürfen die Kinder schon mit in die Schule bringen. Die Kipsdorfer
Schule bringt über 1000 Mark zusammen. Das finde ich doch sehr viel
für die kleine Schule von nicht mal 100 Kindern!
Gestern war wieder mal ein Kriegsabend hier im Gasthof.
Der Ertrag soll den Bärenfelser Kriegern zugutekommen. Es sind 102,26
Mark zusammengekommen. Das ist für Bärenfels ein ganz hübsches Sümmchen.
21. März 1916
Der Großadmiral Tirpitz hat seinen Abschied eingereicht.
Erst hieß es, er wäre krank. Das war wahrscheinlich nur ein Vorwand,
um das Volk nicht aufzuregen. Man vermutet, des verschärften U-Boot-Krieges
wegen.10
| Tirpitz |
|
| Stärkste der stählernen Waffen |
| Die keinem vor dir geriet, |
| Du hast sie kämpfend geschaffen, |
| Unermüdlicher Schmied! |
| Staunend stand Deutschland und lernte |
| Von dir, wie sie niedersaust - |
| Und nun, am Tag deiner Ernte, |
| Sinkt dir die Faust ? |
|
| Aber ob du zu Tale |
| Schreitest - zuckend kreist |
| Warmes Blut in dem Stahle, |
| Deines Geistes Geist! |
| Sinkt die Faust auch vom Hammer, |
| Wie uns das Herz auch durchbebt |
| Dieses Abschieds Jammer - |
| Dein Werk wirkt weiter. Es lebt. |
|
|
Caliban
|
Neulich war wieder mal'n Reichstag. Aber es ist längst
nicht soviel Gerede drum, wie um den ersten. Warum, weiß ich nicht.
Vielleicht ist er nicht so wichtig.11
24. März 1916
Zwei Leutnants, Immelmann und Boelke schießen jetzt
immer um die Wette feindliche Flugzeuge ab. Immelmann hat schon 11,
Boelke 13. Ich glaube, sie haben beide den pour le merite bekommen.
Hier folgt ein Gedicht über Immelmann. Aber es ist schon ziemlich
alt, damals hatte er erst 7 abgeschossen. Fast jeden Tag steht in
der Zeitung, daß wieder Flugzeuge abgeschossen worden sind...
Die 4. Kriegsanleihe hat 10 ½ Milliarden Mark eingebracht,
das ist eine ganz erfreuliche Summe.
|
Ein Lied von Immelmann
|
| Es sprach der Leutnant Immelmann: |
Vergnüglich strich der Immelmann |
| "Hier unten ist's zu dumm! |
Die Schnurrbarstspitze sich |
| Viel lieber fahr ich himmelan |
"Bringt eure Wolkenschimmel ran |
| Und seh mich oben um |
Je mehr, so freut es mich!" |
| Wenn die Propeller brummen |
So ging's ans Flugzeugmorden, |
| Und Kugeln uns umstimmen, |
Bald waren 's zwei geworden, |
| Dann hat man freie Bahn!" |
Und endlich waren's drei |
| Und sieh, kaum war er oben, |
"Auch das sind noch zu wenig, |
| So kam schon angeschoben |
Ich freu' mich wie ein König, |
| Ein welscher Aeroplan. |
Sind sieben erst vorbei. |
 |
 |
| So freute sich der Immelmann: |
Und sieh, der Leutnant Immelmann, |
| "So hab' ich mir's gedacht! |
Der hatte weiter Glück. |
| Schau einer nur den Lümmel an, |
Sah er des Feinds Gewimmel an |
| Wie der sich mausig macht! |
Er zoppte nicht zurück. |
| Drum auf jetzt zum Gefechte, |
Sehr bald schon waren's viere |
| Bald linke Seit' bald rechte, |
Bezwungene Eisentiere, |
| So trommel' ich auf ihm rum!" |
Dann fünfe, sechse und |
| Es hat nicht lang gedauert, |
Zuletzt schoß unser Flieger |
| So hat er ihn belauert |
Als unbestrittner Sieger |
| Und schmiß ihn einfach um. |
Auch "Sieben" in den Grund. |
|
| |
| Es lebe Leutnant Immelmann |
| Die Fliegersensation! |
| Und fährt zu hoch er himmelan, |
| Sankt Peter Öffnet schon. |
| "Noch kann ich dich nicht brauchen, |
| Laß die Propeller fauchen, |
| Und Bleib der Erde nah! |
| Du sollst für Deutschlands Waffen |
| Noch viel Erfolge schaffen! |
| Glück auf! Viktoria!" |
|
April
1916
7. April 1916
In 6 Tagen waren jetzt Zeppeline 5 mal über London und
über England überhaupt, also fast jeden Tag oder vielmehr jede Nacht
einmal. Man denkt, daß wir vielleicht dadurch den Engländern Furcht
einflößen wollen. In England ist natürlich große Aufregung; denn einmal
sind die Zeppeline schon bis zum Firth of Forth ganz im Norden gekommen.
Man hofft jetzt sehr, daß wir auf diese Weise England dazu bringen,
um Frieden zu bitten. Aber ich glaube, die haben einen harten Kopf.
Ehe die um Frieden bitten, muß, glaub' ich, ganz England von Bomben
wimmeln. Na, aber die haben doch kein Ehrgefühl, und das haben wir
dafür doppelt, und deshalb lassen wir uns nicht unterkriegen, wenn's
jetzt auch bißl ernst wird mit der Lebensmittelknappheit. Man verhungert
nicht so fix! Durchhalten!!
Jetzt ist abends acht Uhr! Wie wird's den Engländern
zumute sein, brr! Ob wohl wieder Zeppeline unterwegs sind?!
Mai
1916
10. Mai 1916
Über einen Monat habe ich nicht Kriegstagebuch geschrieben.
Ich bin nun konfirmiert, und Ruth (Freundin)
ist fort, und wir haben auch keine Hauslehrerin mehr, die werden jetzt
alle gebraucht, weil's so wenig Lehrer gibt, na, mit den Männern wird's
jetzt überhaupt knapp! - Mit Amerika wird's jetzt auch brenzlig!...Die
Nahrungsmittel werden immer knapper; jetzt gibt's auch Fleischmarken.
Die armen Leute haben's jetzt sehr schwer. Kartoffeln gibt's auch
kaum mehr. Die Stimmung im Volke wird immer schlimmer.
12. Mai 1916
Amerika hat uns verschiedene Bedingungen gestellt, und
um mit Amerika den Frieden zu erhalten, sind wir darauf eingegangen:
wir werden kein englisches Handelsschiff beschießen, ohne es zu warnen
und, ich glaube, die Besatzung zu retten, weil immer Amerikaner dabei
sind.12
16. Mai 1916
...Dies Jahr blühen am üppigsten die Äpfel und Pflaumen,
und gerade die sind doch sehr notwendig; wenn nicht noch Hagel oder
Frost dazwischenkommt, werden wir dieses Jahr sicher eine sehr gute
Ernte haben. Die Fichten blühen jetzt auch so üppig, wie ich's noch
nie gesehen habe. Ich denke immer, man kann sie (die Fichtenzapfen)
auch zu irgend etwas gebrauchen. Denn weshalb gibt's gerade dieses
Jahr soviel? Auffällig ist auch, wie furchtbar viele Veilchen es jetzt
gibt. Ich erkläre mir's so: Wir sollen durch das Veilchen immer wieder
erinnert werden, wie wir Deutschen sein sollen:
Dem kleinen Veilchen gleich,
Das im Verborg'nen blüht,
Sei immer treu und gut,
auch wenn dich niemand sieht. |
Das Verschen paßt gerade jetzt so gut. Es gibt so viele
Bestimmungen und Gesetze, was man backen darf, wie man backen darf,
was man zum Kochen verwenden darf und noch viel mehr, was unmöglich
alles kontrolliert werden kann. Da soll man eben alle Gesetze erfüllen,
auch wenn es niemand sieht. - Dieses Jahr gibt's auch besonders viel
Spargel. Und da wollen viele dumme Bauern Spargel an Dänemark ausführen.
Das ist natürlich haarsträubend. Wir müssen doch jetzt alles zusammennehmen,
damit wir wenigstens Gemüse haben, wenigstens etwas Nahrhaftes, wo's
kein Fett und kein Fleisch gibt.
In der Kirche, bei Konzerten, im Theater fällt jetzt
alle Minuten eins in Ohnmacht. Meine Mutter macht den neuen Sport
leider auch schon mit. Das liegt an der jetzigen schlechten Ernährung.
Na ja, aber Ohnmacht ist noch nicht tot! Durchgehalten wird! Man verhungert
nicht gleich, wenn auch manchmal der Magen knurrt.
19. Mai 1916
Immelmann hat das 15. Flugzeug abgeschossen. Das ist
großartig! Italienische Stellungen sind in breiter Front erstürmt
worden. Die gefangenen Russen und Franzosen etc. werden jetzt überall
zu allerhand Arbeiten verwendet. Hier in Kipsdorf beim Gärtner sind
auch zwei. Sie sehen spaßig aus mit ihren roten Hosen und Kappen und
der blauen Jacke.
Juni
1916
8. Juni 1916
In den Tagen, in denen ich nicht geschrieben habe, ist
vieles geschehen. 3 große Neuigkeiten:
1. In einer großen Seeschlacht sind die Engländer besiegt
worden.13
2. Kitchener (der englische Kerl, ich glaube Minister)
liegt mit seinem Panzerkreuzer und seinem Stab auf dem Meeresgrund.14
3. Die Feste Vaux ist in unseren Händen. Die Fahne war
jetzt fast immer draußen. Es ist großartig. Den Engländern wird's
jetzt sicher himmelangst sein. - Die Sehnsucht nach Frieden wird natürlich
immer größer. Manche sagen, wenn wir Verdun haben, ist der Krieg zu
Ende. Na, wissen kann's niemand! Das Fleisch wird knapp und knäpper!
Wir haben zum Sonntag (7 Personen!) 1 ganze Taube. Sonst ißt man die
ganze Woche eigentlich kein Fleisch. Aber wie gesagt, verhungert sind
wir noch nicht. Mit'n bißl Humor verträgt sich alles. Man kann sich
eben jetzt nicht gut den Magen verderben, 's ist an allem was Gutes
dran!
20. Juni 1916
Heute muß ich was Betrübliches schreiben: die Russen
dringen immer weiter nach Galizien ein. Sie haben sehr viel Österreicher
gefangen genommen. Die meisten Menschen nennen die Österreicher Schlappschwänze
und sind wütend auf sie. Aber es soll eine furchtbare Übermacht gewesen
sein. Die Maulhelden sollten lieber helfen gehen....15
Das Gras und Getreide steht bis jetzt sehr gut, aber
leider regnet es immer, da kann man gar kein Heu einfahren....
21. Juni 1916
Immelmann ist abgeschossen worden und ist tot. Auch
General von Moltke ist gestorben. Hauptsächlich Immelmann wird sehr
betrauert. Er hatte 15 Flugzeuge abgeschossen. Es ist wirklich furchtbar
traurig!
| Sein letzter Flug |
|
| Der Oberleutnant Immelmann |
| Flog immer wieder himmelan |
| Und wachte eifrig früh und spat |
| Daß sich kein Feind von Westen naht |
| Viel Hundert hat er unverzagt |
| Von unsrer Front davongejagt |
| Und hat gerettet so vor Schaden |
| Viel hundertmal die Kameraden. |
| Und wenn der Feind nicht wollte weichen. |
| Der Immelmann tat nicht erbleichen; |
| Er flog empor und griff ihn an |
| In heißem Kampf Mann gegen Mann, |
| Umkreiste ihn und stieß ihm nach, |
| Bis daß der Feind am Boden lag. |
| Und weil er kühn und unverdrossen |
| Schön fünfzehn Feinde abgeschossen, |
| Da flocht sich um sein junges Haupt |
| Ein Ruhmeskranz lorbeerbelaubt - |
| So flog er schon das zweite Jahr |
| Und Immelmann lacht der Gefahr, |
| Weil der Soldat, wenn man's ermißt, |
| Auf Erden auch nicht sichrer ist. |
|
| Doch schließlich flog der Immelmann |
| Zum letzten Male himmelan: |
| Ein Bruch - ein Sturz - ein schwerer Stoß |
| Das Auge bricht - Soldatenlos. |
| Die Seele fliegt zu Gott empor - |
| Weitauf tut sich das Himmelstor, |
| Denn die für ihre Heimat stritten, |
| Die sind im Himmel wohlgelitten. |
|
| St. Michael stellt gleich den Mann |
| Beim Fliegerkorps der Engel an. |
| Die Helden, die in Feldgrau starben |
| Und so den Himmel sich erwarben, |
| Die muß er in die Lehre kriegen |
| Und lehrt sie nun als Engel fliegen: |
| Jetzt fliegt mit ihnen himmelan |
| Im Engelchore Immelmann. |
24. Juni 1916
...Jetzt soll man auch Gold fürs Vaterland hingeben.
Ich habe verschiedene Goldsachen, hauptsächlich von der Konfirmation,
die ich sehr lieb habe. So kann ich auch mal endlich ein wirkliches
kleines Opfer fürs Vaterland bringen. Wenn ich schon größer wäre,
würde ich bestimmt Schwester an der Front. Totsicher! Weil's aber
nicht kann sein, bleib ich allhier!
25. Juni 1916
...Immelmanns Eltern sind wirkliche deutsche Helden,
die den anderen mit gutem Beispiel vorangehen. Sie legen keine äußere
Trauer an. Gewiß sind sie stolz auf ihren Heldensohn.
26. Juni 1916
Leider wird jetzt schrecklich viel geklatscht. Es entstehen
Gerüchte, die das ganze Volk in Aufregung bringen. Jeder dichtet noch
was dazu. So ging's neulich wie ein Lauffeuer durch Stadt und Dorf:
Hindenburg sei gefangen genommen. Vater schrieb an so 'nen Bekannten,
der irgend was Hohes beim Militär ist und fragte an, ob das wahr wäre.
Aber natürlich war's bloß wieder so'n Klatsch. Der Herr schrieb: "Wer
so etwas verbreitet, müßte erschossen werden." Es kostet jetzt alles
furchtbar viel und man hört jetzt nur immerfort: Sparen, sparen, sparen!
's ist bald lächerlich....
Ein Ei kostet 29-30 Pfg, Fleisch kaum zu erschwingen....,
ein markenfreies Brot kostet 3 Mark und so weiter. Wenn wo ein paar
Menschen zusammenstehen, gleich wird über Kochen, Essen und Preise
gesprochen und gejammert und geunkt: "Wie wird das noch werden, 's
ist ja horrend, nein, wie haben wir's schlecht, es wird doch nichts
rauskommen bei der ganzen Sache usw." Gräßlich! Die Türe möchte man
zuwerfen und nichts hören von dem Gequatsch.
Meine Eltern allerdings sind nicht so. Bei allem wird
das Gute rausgesucht, und mein Mutterle sagt immer: "Wir haben's ja
noch so gut! Was wollten wir sagen, wenn wir die Feinde im Land hätten?!"
Das ist echt deutsch! Ich kann mich nicht genug freuen, daß ich deutsch
bin!
29. Juni 1916
Heute steht in der Zeitung, daß Liebknecht, der Vertreter
der deutschen Sozis, zu 2 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt worden
ist: Was er jetzt verbrochen hat, weiß ich noch nicht... Jedenfalls
hat er sich immer unverschämt benommen (siehe Reichstag), so daß es
ihm ganz recht ist, wenn er mal tüchtig brummen muß.16
Juli
1916
l. Juli1916
...Die Engländer versprechen immer großartig, sie wollten
kommen, um den Franzosen bei Verdun zu helfen. Aber wer nicht kommt,
sind natürlich die Engländer!
Kaufleute, Gärtner, Fabriken etc. haben jetzt Gefangene
zum Helfen. Es ist aber ungemütlich! Ein Russe läuft manchmal ganz
allein hier rum. Wie gut der ausreißen kann! Ein Herr, der auch Gefangene
hat, sagt, sie arbeiten nicht soviel wie unsere Leute. Vielleicht
ist's auch bloß, weil sie sich sagen, wozu soll ich mich für ein feindliches
Land so abrackern?!
Die zwei Franzosen, die in Kipsdorf beim Gärtner sind,
sind ganz gebildete Leute. Wolf hat sich mit ihnen mal auf französisch
unterhalten, da hat einer gesagt: "Hier in Deutschland ist alles viel
trauriger, die ganze Gegend. In Frankreich sind zwischen den dunklen
Wäldern immer lustige Wiesen. Das fehlt ja hier ganz!" Einer ist aus
Savoyen.... Sie freuen sich so, wenn mit ihnen einer auch mal spricht
und spaßt. Ich meine, man soll die Gefangenen nicht vergöttern, auf
keinen Fall; aber man soll sie auch nicht verachten. Sie haben doch
genau wie unsere für ihr Vaterland gestritten. Und man muß immer daran
denken, wie es unseren Deutschen zumute sein muß, wenn sie in Gefangenschaft
auch noch verachtet und verspottet werden!
2. Juli 1916
Hier ist ein sehr passendes Gedicht:
|
Eine Stimme aus dem Schützengraben
|
| |
|
| Butter, Butter wollt ihr haben, |
Denkt an die, die mutig streiten |
| Und ihr lärmt und ihr krakeelt. |
Unentwegt fürs Vaterhaus; |
| Denkt an uns im Schützengraben, |
Schaltet in den großen Zeiten |
| Wo's doch an so vielem fehlt! |
Kleine Alltagssorgen aus! |
| Überlegt, euch liebe Leute, |
Hebt den Blick zu allen denen, |
| Mal des Vaterunsers Sinn! |
Deren Liebstes nahm der Tod, |
| "Brot" - so lautet's - "gib uns heute", |
Die nur mit dem Salz der Tränen |
| Doch von Butter steht nichts drin! |
Nässen heut' ihr täglich Brot! |
 |
|
|
| Wißt ihr nicht, daß lautes Klagen |
| Noch den Mut des Feindes mehrt? |
| Schweres habt ihr nicht zu tragen |
| An der Heimat sicherm Herd! |
| Statt zu schimpfen und zu fluchen, |
| Sage sich der Patriot: |
| Dem Besiegten schmeckt kein Kuchen, |
| Doch dem Sieger - trocken Brot. |
|
|
Ein Feldgrauer vom Osten
|
|
Es ist ja direkt ekelhaft, wie geschimpft und krakeelt
wird, wenn's mal keine Butter gibt. Eine Frau in Meißen hat, wie sie
nicht gleich Butter bekam, mit der Faust auf den Ladentisch geschlagen
und im höchsten Zorn ausgerufen: "Da macht kein' Krieg, wenn ihr keine
Butter habt!" Dafür hat jeder allerdings nur ein kühles Lächeln, und
niemand verliert ein Wort über derartige Borniertheit....
3. Juli 1916
...Wenn man sich jetzt ein neues Kleidungsstück kaufen
will, muß man sich erst einen Erlaubnisschein holen, und ehe man den
bekommt, werden, glaub ich, die Sachen durchgesehen, ob man's auch
nötig hat.17
Nur gegen einen solchen Schein dürfen Kleidungsstücke verkauft werden.
Na, ich bin gut raus, ich hab' jetzt erst alles bekommen, was ich
brauchte!
In Kipsdorf sind jetzt 80 Soldaten. Das ist ein Leben!
Fast jeder spricht einen an, das sind lustige Brüder!
4 Juli 1916
...Die Franzosen und Engländer haben einen großen Angriff
gemacht bei Arras und sind mit großen Verlusten, hauptsächlich für
die Engländer, zurückgeschlagen worden... Boelke hat das 18. Flugzeug
abgeschossen.
5. Juli 1916
...In Frankreich werden immer mehr Stimmen laut, daß
es unmöglich so weitergeht, daß sich Frankreichs Jugend für England
hinmorden läßt. Die Feinde haben längst aufgegeben, daß sie siegen
können, außer den Engländern. Die glauben's immer noch! 's ist ja
Blödsinn!...18
6. Juli 1916
Jetzt kann man einmal richtig sehen, was die Deutschen
leisten können! Auf allen Fronten, in Frankreich, an drei Stellen
in Rußland und auch noch im Süden, überall sind jetzt Angriffe, und
doch werfen die Deutschen den Feind immer wieder zurück. Nirgends
kann er vordringen!19
Ich glaube, was ganz Wichtiges habe ich noch gar nicht
geschrieben: von der "deutschen Sommerzeit". Man mußte nämlich (ich
glaube schon am 1. Mai) alle Uhren um eine Stunde vorstellen, alle
Menschen, in ganz Deutschland. Nun ist alles eine Stunde früher wie
sonst. Man steht eine Stunde früher auf und kann so besser das schöne
Sonnenlicht nutzen. Man geht eine Stunde eher ins Bett und spart die
Beleuchtung. Im Winter lebt man wieder nach der alten Zeit. Ich finde
das äußerst praktisch. Im Krieg muß eben mit allem gespart werden.
7. Juli 1916
An der Somme und da überall sind tüchtige Kämpfe, aber
wir siegen immer, d. h. es kommt auch manchmal vor, daß die Franzosen
mal ein Dorf besetzen oder mal in unsere Gräben eindringen, aber sie
werden bald wieder rausbefördert.20
Man hört jetzt, wo man auch hinkommt nur immer die Worte:
" 's'ist knapp, 's ist knapp! Kinder, sparen, sparen, sparen!" Wer
richtige Butter ißt, wird mit gierigen Blicken verfolgt und furchtbar
beneidet. Über 1 Pfund Fleisch (für 8 Personen) gerät die ganze Familie
so in freudige Aufregung, daß alles schon vorm Essen in die Küche
kommt, um dieses Weltwunder anzustaunen. Magenknurren gehört zur alltäglichen
Unterhaltung, Käse und Wurst gibt's nur noch in Schiebeform, d.h.
es ist so klein, daß es nur für einen Happen Brot reichen würde, infolgedessen
schiebt man es beim Essen immer weiter, damit man diesen lukullischen
Happen zuletzt hat. Außerdem hat man schon die ganze Schnitte durch
diesen herrlichen Geruch unter der Nase. Schiebewurst! Hm! Es läuft
einem schon das Wasser im Munde zusammen!
Aber nun genug! Mein Kriegstagebuch wird ja ganz prosaisch,
nur immer vom Essen! Ich alter Materialist. Na, aber das ist für später
auch interessant, wie man jetzt im Krieg lebt.
10. Juli 1916
...Ich habe heute einem leibhaftigen Marineoffizier,
der die große Seeschlacht am Skagerak mitgemacht hat: die Hand gegeben!
Hast du's auch gehört, richtig die Hand gegeben! Ich war ganz begeistert.
Er sieht so kühn aus...
16. Juli 1916
...Zucker zum Einkochen bekommt man jetzt sehr wenig.
Voriges Jahr haben wir ein paar Zentner verbraucht, dieses Jahr bekommen
wir nur 5 Pfund.
12. August 1916
...Mein Vetter Heinz Immisch ist jetzt hier. Er ist
Marineflieger. Zackig! Er erzählt viel Interessantes. Das E.K.II hat
er schon lange. Jetzt kann er schon selbständig ein Flugzeug lenken.
Seeoffiziere sind überhaupt großartig!...
24. August 1916 ...Heut' hab ich gleich was Herrliches
zu melden! Die "Deutschland" ist aus Amerika zurückgekommen. Das ist
ein deutsches Schiff, das aus Amerika Gold und Gummi und ich weiß
nicht was noch alles geholt hat. Ihm 'ist an einer Stelle von 8 englischen
Kriegsschiffen aufgelauert worden, und es ist durchgekommen. Der ganze
Weg war mit minenbesteckten Drahtnetzen gespickt, die man von oben
gar nicht sieht. Das ist wieder mal 'ne Leistung! Es herrscht große
Begeisterung. Die Engländer ärgern sich natürlich grün und gelb, daß
sie's nicht gekriegt haben!
August
1916
24. August 1916
...Heut' hab ich gleich was Herrliches zu melden! Die
"Deutschland" ist aus Amerika zurückgekommen. Das ist ein deutsches
Schiff, das aus Amerika Gold und Gummi und ich weiß nicht was noch
alles geholt hat. Ihm ist an einer Stelle von 8 englischen Kriegsschiffen
aufgelauert worden, und es ist durchgekommen. Der ganze Weg war mit
minenbesteckten Drahtnetzen gespickt, die man von oben gar nicht sieht.
Das ist wieder mal 'ne Leistung! Es herrscht große Begeisterung. Die
Engländer ärgern sich natürlich grün und gelb, daß sie's nicht gekriegt
haben!
28. August 1916
Nun hat auch Rumänien den Krieg an uns erklärt, das
rückt natürlich das Ende des Krieges wieder ein Stück weiter davon.
Schiebefrieden! Italien hat auch den Krieg an uns erklärt, bis jetzt
hatte es ja nur an Österreich den Krieg erklärt; aber das ist nicht
so schlimm, denn Deutschland und Österreich sind ja eins. Die Engländer
ziehen eben immer mehr auf ihre Seite, durch Lügen und Versprechen.
Da heißt's: Kopf oben! Nicht ermatten! Ein schöner Ansporn ist ja
auch, daß die "Deutschland" so glücklich ankam.... Man kann sich das
so gut als Gleichnis denken: daß das ganze große Deutschland glücklich,
siegreich am Ziel ankommt, und alle Menschen, die noch übrig sind,
sind innerlich, seelisch gesund geblieben. Das wäre ein Idealzustand:
Weltfriede, das Himmelreich auf Erden. Das große Feuer erlischt unter
dem warmen, sanften Maienregen, und alles, alles wird still, die Welt
genest und wird anders, ganz anders als jetzt!! Aber was schreib'
ich da für unmögliche Dinge, die Weit ist ja viel zu schlecht dazu,
und jetzt sind wir noch mitten drin im großen Weltkriege.
September
1916
5. September 1916
Durch die Kriegserklärung Rumäniens werden jetzt wieder
viele Soldaten eingezogen. Wolfgang muß vielleicht auch bald zum Militär...
Vorgestern hatten wir Besuch... Sie hatten ihren französischen
Kutscher mit. Das ist ein Gefangener, der erst lange in Königsbrück
war. Er ist das Arbeiten gar nicht gewöhnt und hat immer gleich Blasen
an den Händen, 's scheint was ziemlich Gebildetes zu sein. Aber ein
frecher Kerl! Er sagte zu unserem Kutscher, in Frankreich hätten sie
noch alles, und hier hätten wir kaum noch Kartoffeln oder gar Brot.
Außerdem zögen wir schon ganz winzige Rekruten ein. Das brauchten
sie noch längst nicht. Dummer Kerl! Der ahnt noch nicht, wie's drüben
steht. Daß die Deutschen so weit in Frankreich drin sind, weiß er.
Er sagt aber, die würden schon wieder rausgeworfen. Er ist aber furchtbar
höflich, ein echter Franzose. Als ich ihm Kaffee brachte, schlug er
die Absätze zusammen, machte Honneur und sagte x-mal "Merci, merci!"
Als ich ihn auf Deutsch etwas fragte [, sagte]
er: "Ich könn nich deutsch, serr wenig!" Ich versuchte nun, mich mit
meinen paar französischen Brocken zu behelfen, und es ging auch ganz
gut. Es ist ganz eigenartig, wenn man so 'nem gegenüber steht: er
ist doch auch Mensch, sieht genauso aus, wie jeder andere auch - und
spricht ein Kauderwelsch, das niemand versteht. - Wir haben jetzt
einen Genesenden als Kutscher. Wenn der fort muß, wer weiß, ob wir
nicht auch einen Gefangenen nehmen müssen. Angenehm ist's freilich
nicht, denn man würde doch immer wieder denken müssen: "Der hat auf
die Deutschen geschossen, wer weiß wie viele auch schon getötet".
Gräßlich!— Da ist so'n deutscher Feldgrauer angenehmer.
7. September 1916
...Über dem Eßtisch haben wir jetzt zwei buntbemalte
Holzherzen angebracht, darauf steht: 1. "Lerne essen, ohne zu klagen!"
2. "Das Essen wird knapp, gewöhn's dir ab!" Das hängen wir auch unsern
Gästen vor die Nase. Ja, wir sind Gemütsmenschen. Es nützt aber doch
schon, d.h. das erste nützt: es wagt niemand zu klagen. Aber das Essen
hat sich doch noch keiner abgewöhnt. Ich schlage in unserer ganzen
Familie (jetzt aus drei Köpfen bestehend) den Rekord. Ich hätte selbst
nicht geglaubt, daß ich jemals so viel vertilgen könnte, 's ist fürchterlich
mit mir...
An der Somme stehen uns jetzt 28 Divisionen gegenüber.
Das ist eine kolossale Übermacht. Es heißt jetzt auch, mit Schweden
wär's brenzlig! Die Engländer hetzen alle gegen uns auf. Es gibt bald
gar keine neutralen Vertreter mehr für die vielen Staaten, die am
Krieg teilnehmen. Nun leb wohl, du altes liebes Kriegstagebuch...
Ich gehe jetzt in die Kriegsbetstunde. Da ist's herrlich.
8. September 1916
Nur noch schnell eine freudige Nachricht: heute war
den ganzen Tag geflaggt. Wir haben die rumänische Festung Tutrokan
im Sturm genommen, 20 000 Gefangene gemacht, darunter 2 Generäle und
400 Offiziere, und 100 Geschütze erbeutet. Überall großer Jubel!21
14. September 1916
Die große Entscheidungsschlacht an der Somme dauert
fort. Es ist eine so gewaltige Schlacht, wie wir sie noch nie erlebt
haben, und auch wir haben dort schon riesige Verluste. Sogar in unserm
kleinen stillen Dörfchen haben wir einen Verlust zu beklagen, und
ein Waldarbeiterssohn von Vater ist vermißt. O wenn doch unsre Truppen
dort aushalten könnten! Es ist ja eine so riesige Übermacht!
15. September 1916
...Heute steht wieder in der Zeitung wie fast jeden
Tag: Wiederholte starke Angriffe im Westen und Osten blutig abgeschlagen.
Manchmal steht da auch, daß wir ein Stück zurückgemußt haben oder
daß die Franzosen ein Dorf besetzt haben. Aber doch brechen sie nirgends
durch. Wenn doch unsre Truppen aushalten könnten!
Die Lebensmittel sind knapp, aber alles ist gut eingerichtet,
so daß jeder gleich viel Brot, Butter, Mehl etc. erhält. Fleisch gibt's
wenig, die meisten Menschen nehmen immerzu ab. Aber es geht uns immer
noch sehr gut. Wenn jemand anfängt zu murren, heißt es nur Schützengraben!
und man weiß schon, wie gut man's hier in der Heimat hat.
17. September 1916
Heute steht in der Zeitung:
Verfolgung der geschlagenen Rumänen und Russen.
In 9 Tagen 33 Schiffe durch U-Boote versenkt.
6 feindliche Flieger abgeschossen.
Hauptmann Boelkes 26 Luftsieg.
Hoffentlich bleibt uns Boelke wenigstens erhalten! - Es ist doch
wirklich herrlich, einen solchen Bericht zu lesen. Und fast jeden
Tag ist er jetzt so erfreulich.... Es wird jetzt auch gemunkelt, die
Russen wollten einen Sonderfrieden schließen... Was wahr ist, weiß
man nicht, aber schön wäre es schon, denn zwei Drittel des ganzen
deutschen Heeres sollen ja in Rußland stehen und nur ein Drittel an
den übrigen Fronten.
24. September 1916
In der Dobrudscha werden die Rumänen weiter verfolgt. An der Somme
Lage unverändert. Jetzt ist die Grummet (=
zweite Heuernte), sie ist bis jetzt ziemlich gut. Daß man
über die Bremen gar nichts hört, ist doch zu traurig. Der einzige
Trost ist noch, daß sie wie's scheint untergegangen ist, denn wenn
sie in die Hände der Engländer geraten wäre, hätten die doch großen
Trara gemacht.
(Es folgt ein Zeitungsphoto mit 3 französischen
Kriegsgefangenen: unrasiert, müde, nachlässig gekleidet.)
Die Kerle hier sehen widerwärtig aus. So einen als Kutscher nehmen,
brrr!!! Wir haben jetzt....keinen Kutscher, da hab' ich heut' Kutscher
gemacht und habe das Grummet eingefahren, ohne daß das Pferd durchging
und der hochbeladene Wagen umfiel.
Oktober
1916
1. Oktober 1916
Bei Hermannstadt haben wir eine heftige Schlacht gewonnen. - Die Sommeschlacht
dauert fort. Es fallen unheimlich viele Menschen. Aus Wolfs Klasse sind
auch zwei gefallen und auch mein zweiter Vetter Werner Zenker. Oft kommt
es einem vor, als müßte man verzweifeln: immer mehr Menschen fallen,
die Nahrungsmittel werden immer knapper und teurer, die Stimmung ist
längst nicht mehr so, wie im Anfang. Aber es muß durchgehalten werden,
und deshalb muß man sich aufraffen und den Mut nicht verlieren. Wir
müssen siegen! Da kann und muß jeder an seinem Teile mithelfen!
Über England waren wieder Zeppeline. Leider sind aber welche abgeschossen
worden.
26. Oktober 1916
Ich habe mir mit einem hörbaren Ruck mein goldenes Armband, das ich
zur Konfirmation bekommen habe, von der Seele gerissen.
(Beigefügt ist eine Urkunde des "Ehrenausschusses
der Goldankaufstelle", in der die Ablieferung von Goldschmuck, "um damit
die finanzielle Wehrkraft unseres deutschen Vaterlandes zu stärken",
im Wert von M 37,50 bestätigt wird.)
In der Dobrudscha haben wir jetzt die dritte Donaubefestigung besetzt.
Die Sommeschlacht ist immer noch im Gange. Man kann sich gar nicht denken,
daß diese furchtbare Schlacht einmal ein Ende nehmen kann. Es werden
wieder mächtig viele eingezogen. Wolfgang ist am Dienstag gemustert
worden. Er kommt zum Glück zur Artillerie, zu welchem Regiment, weiß
er noch nicht.
Wir schlachten jetzt eine ganze Menge Hühner, denn man hat gar kein
Futter mehr....
November
1916
3. November 1916
Hauptmann Boelke ist nun auch tot. Er hat im ganzen 40 Flugzeuge zum
Absturz gebracht. Es ist aber gut, daß er nicht vom Feinde getötet worden
ist. Er ist nämlich mit einem anderen Flugzeug (mit einem deutschen)
zusammengestoßen. Er hat seinem Volke viel genutzt und wird auch nie
in Vergessenheit geraten.
In der Dobrudscha gehen unsere Truppen mächtig vor, Constanza ist in
unseren Händen. Hindenburg scheint wieder Großes vorzuhaben, im allgemeinen
steht's jetzt überall gut.
Jetzt gibt's auch keine Milch mehr, nur für Kranke und kleine Kinder.
Man weiß wirklich nicht, was man jetzt noch Nahrhaftes essen soll. Es
sagen alle, daß dieser Winter wohl sehr schwer werden wird. Aber es
gibt ja viel Gemüse. Ich glaube, verhungern wird wohl niemand. Und wenn
die Engländer sehen, daß wir auch diesen schweren Winter überstehen,
werden sie wohl auch das "Aushungern" satt haben. Deshalb muß man eben
diesen Winter noch tüchtig tapfer sein und den Magen ruhig mal knurren
lassen...
13. November 1916
In Amerika wäre beinahe ein anderer Präsident gewählt worden: Hughes.
Es stand schon in allen Zeitungen, aber nun ist doch der gräßliche Wilson
wieder gewählt worden. Es ist ja nicht von großer Bedeutung für uns
gewesen, denn Hughes hatte dieselben Ansichten wie Wilson, und England
hätte nach wie vor seine Munition bekommen.
Polen ist von uns wieder zum Königreich gemacht worden!... Der König
ist noch nicht gewählt.22
Der Krieg will kein Ende nehmen, trotzdem es doch höchste Zeit ist.
Ich weiß nicht, ob ich schon geschrieben habe, daß wir Vaux und Douaumont
wieder hergeben mußten!? Das war sehr traurig, denn die beiden Forts
haben uns viele Opfer gekostet...
24. November 1916
Kaiser Franz Joseph von Österreich ist am 21. abends gestorben. Es
herrscht überall große Trauer. Er war schon 86 Jahre alt und hat bis
einen Tag vor seinem Tod noch selbst regiert und alles erledigt. Es
muß ein herrlicher Herrscher gewesen sein! Nun ist sein Großneffe, Erzherzog
Karl Franz Joseph, Kaiser von Österreich-Ungarn geworden. Er ist Karl
I. von Österreich und Karl IV. von Ungarn; er ist sehr beliebt, er ist
erst 30 Jahre alt. Seine Gemahlin heißt Zita und beide haben ein Söhnchen
von 4 Jahren. Hoffentlich wird er eine recht lange und gesegnete Regierungszeit
haben!
Man hofft jetzt mächtig auf einen Sonderfrieden mit Rußland, woraus
sich dann hoffentlich weitere Friedensverhandlungen entwickeln werden.
Wolfgang ist in Dresden in der Artilleriekaserne. Gestern ist er erst
hineingekommen; es gefällt ihm vorläufig ausgezeichnet.
Dezember
1916
7. Dezember 1916
BUKAREST ist unser! Die Fahnen flattern hoch im Wind, die Glocken läuten,
schulfrei! Hurra! Ja, das ist wieder mal ein Sieg, der nicht vergessen
werden wird. Den Rumänen mag's schön angst sein. Ja, der Deutsche, der
siegt! Und wie! Die Beute ist noch nicht bekannt gegeben, aber die wird
schon ganz manierlich sein. Nun ist die Front viel kürzer, und es werden
wieder Truppen für andere Fronten frei...
Es ist jetzt ein Zivildienstgesetz herausgekommen. Alle Männer von
17 Jahren an, ich glaube bis 60, müssen sich in das "Heimheer" einreihen
lassen. Sie müssen Unabkömmliche ersetzen, daß diese hinauskönnen oder
in Fabriken arbeiten etc. Für Frauen ist es freiwillig - leider! Ich
wünschte, es wäre auch Zwang! Alle müssen für einen Frieden mitkämpfen,
der das unendliche Blutvergießen wert ist.
Jetzt beginnt nun schon wieder das Weihnachtspaketepacken. Voriges
Jahr dachte man bestimmt, dies Jahr sei zu Weihnachten Friede. Dies
Jahr denkt man's vom nächsten. Man kann es sich gar nicht ausdenken,
daß nächstes Jahr immer noch - - o nein, es kann nicht. Und doch, wenn
es sein sollte?! Wir müssen fest und treu zu unserem Reiche stehen,
ja das müssen wir immer und ewig!
Dieses Jahr gibt's keine Stollen mehr, fast keine Pfefferkuchen! Was
sollen wir unseren Feldgrauen da hinausschicken? Das hält dies Jahr
schwer! Aber wir müssen sie ermutigen, immer wieder, und ihnen das Herz
erwärmen und ihnen viel, viel liebe schenken und dankbar sein. Gerade
wir Mädchen und Frauen, wir sind ganz besonders dazu da, liebe und Frohsinn
in die Welt zu bringen, und das sollen wir auch jetzt, jetzt ganz besonders,
wo es soviel Böses und soviel Herzeleid in der Welt gibt.
13. Dezember 1916
Ach mein altes, gutes Tagebuch, hör bloß, was heute kommt: denk' nur,
gestern war eine sehr wichtige Reichstagssitzung und: - und die Mittelmächte
(das sind wir und unsere Verbündeten) haben ihren Feinden den Frieden
angeboten! Zunächst klingt das schlapp, aber es ist herrlich, ganz wunderbar
herrlich! Wir bitten nicht demütig um Frieden, weil wir nicht mehr können.
O, wir können noch längst. Nein, wir bieten unseren Feinden den Frieden
an, weil wir wissen, wie wir stehen. Wir sind auf dem Höhepunkt unseres
Sieges. Nehmen die Feinde unsere Bedingungen nicht an, gut, wir kämpfen
weiter. Wir legen aber jegliche Verantwortung vor der Menschheit und
der Geschichte ab: Deutschland hat den Frieden gewollt. Es ist d a s
Volk, das den Völkerwahnsinn brach und das unendliche Morden aufhalten
wollte. Wollen sie nicht - -, - -?! Dann mit Mut und Ausdauer und Vertrauen
weiter bis zum endgültigen Siege!
Man spannt natürlich jetzt auf die Antworten der Feinde. Werden sie
die Bedingungen annehmen? Sollten wir zum Weihnachtsfest den Frieden
geschenkt bekommen? Es ist kaum auszudenken. Aber es wäre so herrlich,
so wunder-, wunderschön!
Gelt, mein liebes Tagebuch; deine Blätter rascheln und knaxen auch
vor Spannung. So was ist dir noch nicht vorgekommen! Na, sobald ich's
weiß, sollst du's auch erfahren!!23
22. Dezember 1916
Na also: sie machen natürlich nicht mit, alle miteinander.. Man konnte
sich's ja denken! Eine offizielle Antwort ist zwar noch nicht da, aber
alle Zeitungen schreiben schon davon. Es ist nicht zu glauben, was die
Engländer wieder für Gemeinheiten und Lügen ausstreuen. Sie sagen, Deutschland
sei an dem Kriege schuld und habe erst angefangen. Wenn es nun Frieden
haben wollte, könnte es ihn sofort haben, wenn: es seine Flotte auslieferte
und die Zentralmächte entwaffnet würden! Na, und da soll einem der Verstand
nicht stillstehen. Wir sind die Sieger, und die unverschämten Besiegten
stellen die Forderungen. Pah! Da wird eben fortgekämpft, bis aufs äußerste
forgekämpft. Der Deutsche siegt!24
Manche neutrale Blätter äußern sich sehr vernünftig. Eine holländische
Zeitung schreibt, daß jetzt der geeignetste Zeitpunkt sei, Frieden zu
schließen; denn Deutschland stünde auf der Höhe seiner Macht, jetzt
nach den Siegen in Rumänien. Die Neutralen sind überhaupt sehr für den
Frieden....
Wolfgang hat für Weihnachten 4 Tage Urlaub bekommen. Das ist herrlich!
Er muß vielleicht im Januar schon ins Feld. Fürs Frühjahr scheint überhaupt
was Gewaltiges geplant zu sein. Ich wollte mich so gern für den Zivildienst
melden, man wird aber leider erst mit 18 Jahren angenommen...
29. Dezember 1916
Gestern hatten wir ein grausig-schönes Schauspiel: Das Arsenal in Dresden
ging in die Luft. Von früh 11 Uhr an hörten wir das Dröhnen und Krachen.
Manchmal klirrten sogar die Fensterscheiben. Abends sahen wir über Dresden
eine dicke Dunstschicht, und darüber war der Himmel feuerrot. Es sah
über den verschneiten Wäldern herrlich aus. Erst hieß es, die ganze
Königsbrücker Straße läge in Trümmern. Aber es wird ja viel geredet.
Das Telefon war andauernd besetzt. Sobald man etwas wegen dieser Sache
sprach, wurde das Gespräch abgebrochen.
1917
Januar
1917
9. Januar 1917
So, nun will ich erst mal vom Arsenal weiterschreiben.
Es entstanden die schauerlichsten Gerüchte: die ganze Neustadt wäre
zertrümmert und Hunderte von Menschen seien umgekommen. So schlimm ist's
natürlich nicht, aber zum Lachen ist's auch nicht gerade. Ich bin gestern
am Arsenal vorbeigefahren. Es war wirklich ein interessanter Anblick...:
verräucherte Ruinen, eingestürzte Dächer usw. Es wird aber schon wieder
fieberhaft am Aufbau gearbeitet. Wolfgang hatte Tag und Nacht Wache,
um, im Falle daß die Kaserne einstürzte, die Pferde zu retten. Er hat
in der stillen Nacht die Granatsplitter durch die Luft sausen hören!
Als Ersatz haben wir wieder ein englisches Schiff erbeutet, das sehr
viel Munition an Bord hatte. Einen Tag vor dem Unglück hat man mitten
im Arsenal einen Spion abgefangen. Überall hat man kleine Zündschnüre
gefunden.
Wie man sich schon dachte, haben die Feinde unser Friedensangebot
abgelehnt. Nun geht's mit doppelter Kraft los. Der Kaiser hat eine Rede
an Landheer und Flotte gehalten, worin er ihnen sagt, daß nun die Feinde
alle Verantwortung haben und daß die Deutschen jetzt zu Stahl werden
sollen. Im Frühjahr wird es wohl zur Entscheidungsschlacht kommen. Gott
gebe uns dann Mut, Kraft und Sieg!
19. Januar 1917
Alles steht beim alten. Heinz ist mit dem Balkanzug durch
Dresden gekommen und ist nach Bulgarien geschickt worden... Er ist jetzt
Einsatzkampfflieger. Er muß das Flugzeug lenken und auch das Maschinengewehr
bedienen. Er freut sich natürlich riesig, ich freue mich mit ihm. Denn
erstens ist's eine große Auszeichnung für ihn, und dann hat er doch
jetzt das stolze Bewußtsein, dem Vaterland wirklich mit allen seinen
Kräften dienen zu können. Gott erhalte ihn seinen Eltern und mache ihn
stark!!
25. Januar 1917
(Ein neues Heft wird begonnen.)
So, heut' wirst du eingeweiht, mein liebes, neues Tagebuch! Ob du wohl
vom Frieden erfährst? Ich glaub' es nicht. Aber etwas Schönes muß ich
dir heute mal erzählen. In Swinemünde ist am 31. Dezember eine herrliche
Prise eingebracht worden. Ein deutscher Kreuzer hat 6 englische Schiffe
versenkt und das 7. mitgebracht. Er hatte darauf alles geladen, was
für uns Nutzen hat: 2000 t Mehl und 6000 t Weizen. Das sind 4 Millionen
Pfund Mehl und 12 Millionen Pfund Weizen. Herrlich! Dann noch Speck
und Wurst, Munition, Pferde, Automobile, Stacheldraht usw....
Februar
1917
6. Februar 1917
Vom 1. Februar ab: uneingeschränkter U-Boot-Krieg. Folge:
Amerika erklärt Deutschland den Krieg. Hübsch! Na, richtig erklärt haben
sie ihn eigentlich noch nicht. Sie wollen erst sehen, ob Deutschland
sein Vorhaben wirklich wahrmacht. Und daß es dies tut, wissen wir, deshalb
ist gar kein Zweifel mehr, daß Amerika uns demnächst den Krieg erklärt.25
England will ja noch alle nordische Staaten gegen uns
aufhetzen. Aber Deutschland siegt! Davon muß jeder Deutsche fest überzeugt
sein. Wir helfen alle mit! Es muß bald zum Frieden kommen, es muß! Dieses
Elend kann nicht so lange fortdauern. Man hält es nicht für möglich,
wie entmenscht, wie tierisch viele Völker jetzt handeln, Frankreich
an der Spitze. Und das alles in einer Zeit, die, wie mir deucht, dazu
bestimmt ist, die Welt geistig höher zu bringen und vollendeter zu machen.
Die schlimmsten Greuel, die sich ein Mensch nur ausdenken kann, verüben
die Franzosen an deutschen Gefangenen. Man möchte dazwischenfahren,
möchte alles opfern, um alledem ein Ende zu machen, und ist doch machtlos,
ist ohnmächtig diesen fürchterlichen Greueln gegenüber.
Mit den Nahrungsmitteln wird's auch immer schlimmer. In
Sachsen soll es besonders schlimm sein. Sogar die Soldaten in Lazaretten
können nicht mehr satt gemacht werden. Und warum all das Elend, dieser
Menschenmord? - Und trotzdem müssen wir Mut sammeln, wir müssen ja siegen!
Was nützt das Unken? Pfui, Agnes Z., du hast gejammert. Greif lieber
zu und hilf an deinem Teile siegen!
24. Februar 1917
(Am 7. und am 24. Februar schreibt
sie Briefe ihres Vetters Heinz 1. ab, der als Flieger nach Bulgarien
versetzt worden war und nun begeistert von der fremden orientalischen
Welt berichtet, auch davon, wie er erstmals Saloniki vom Flugzeug aus
gesehen hat. Dazu bemerkt sie:)
...Diese wundervolle Stadt zu sehen, von der andere Sterbliche
nur in stumpfsinnigen Erdkundestunden reden hören, und diese Stadt noch
dazu vom Flugzeug aus zu sehen! Na, fliegen muß ich auch noch mal, eher
sterb' ich nicht, nee, nee, da machen wir nicht mit!
Also, Amerika hat uns den Krieg noch nicht erklärt, 's
wird aber wohl bald kommen. Der U-Boot-Krieg hat mächtige Erfolge. Neulich
sind in einer Woche 52.000 t versenkt worden. Die Amerikaner haben jetzt
vergiftete Ware auf die Schiffe geladen, um möglichst viele Deutsche
umzubringen.
Jeder denkt, daß die Engländer den U-Boot-Krieg nicht
lange aushalten können. Im August sei spätestens Friede. Man klammert
sich wieder an neue Hoffnungen und ---
März
1917
1. März (Lenzmond) 1917.
Es ist noch gar nicht wie Lenz. Der Schnee liegt hoch,
und abends ist's immer grimmig kalt. Das ist schrecklich, denn die Kohlennot
ist groß. Eine Zeitlang hatten alle Schulen geschlossen, um Kohlen zu
sparen. In manchen Schulen sind ein paar Zimmer geheizt, damit sich
die armen Leute wärmen können. Sehr viele Eisenbahnwagen sind nicht
mehr geheizt. Jeder zweite Mensch hat Schnupfen und Husten. Ganz amüsant!
Die Küche wird leerer und leerer. Jetzt muß man sogar
die Aluminiumtöpfe rausrücken und überhaupt alles, was man aus Aluminium
im Hause hat. Alles fürs Vaterland! Da gibt man's gern.
Die Engländer haben wieder 'ne Masse Schiffe eingebüßt...
Ich glaube bald selber, daß wir sie bald erledigt haben. Man muß jetzt
auch sehr mit Kartoffeln sparen. Wir können für 7 Personen in der Woche
25 Pfund verbrauchen. Aber unsere Tafel ist immer noch sehr abwechlungsreich.
Heute abend: Hafermehlsuppe, Maisgrießklöße, Kriegspudding, Käsebrot.
Herz, was willst du mehr? Alle, die jetzt vom Lande wieder in die Stadt
kommen, werden nach Lebensmitteln abgesucht. Es ist direkt wahnsinnig,
was die Städter alles wegschleppen. Für ein Ei bieten sie 60 Pfg. und
treiben die Preise furchtbar in die Höhe. Neulich haben sie sogar in
einem Sarg ein Schwein fortexpediert.
17. März 1917
...Heute gibt es allerhand Neues zu berichten. Am 8. März
ist Graf Zeppelin im 79. Lebensjahr gestorben. Er hat ein großes, großes
Werk getan, dessen Segen noch weit hinausreichen wird in die Zukunft
und das ihm das deutsche Volk auch zu danken weiß.
In Rußland ist Revolution. Der Zar soll abgedankt haben.
Großartig!26
Im Februar sind allein über 1000.000 t versenkt worden.
Ach mein liebes Tagebuch, ich will jetzt aufhören, ich
bin so müde, so müde - - um 12 Uhr mittags!
29. März 1917
Eigentlich ist furchtbar viel los, aber wenn ich das Kriegstagebuch
hernehme, ist alles verschwunden. Ach, das Gedächtnis! Das alles machen
die Kohlrüben! Neulich mitten am Tage todmüde etc. Lauter Dummheiten.
Na also, der Zar ist jedenfalls futsch, d. h. er lebt noch, hat aber
nichts mehr zu sagen (viel hatte er ja sowieso nicht zu sagen). Ich
glaube, er reist nach England. Glückliche Reise!27
Man hofft, daß auch in Italien Revolution ausbricht! Fein
wär's!...
Das Kleingeld ist furchtbar knapp. Woran das liegt, begreif
' ich nicht. In manchen Städten gibt es schon Gutscheine. Es wird jetzt
auch viel mit Briefmarken bezahlt. Das ist scheußlich.28
Es folgen einige solche
Gutscheine über 10 oder 50 Pfg.
Jetzt ist die 6. Kriegsanleihe im Gange. Es wird unglaublich
viel Reklame dafür gemacht. Hoffentlich wird recht viel gezeichnet.
Man kann sogar schon von 1 Mark an zeichnen.29
Werbeprospekt für die Kriegsanleihe:

April
1917
17. April 1917
Alles ist auf das Ergebnis der 6. Kriegsanleihe gespannt.
Ich glaube, es wird gut sein. Vater hat für seine Waldarbeiter
1000,- Mark gezeichnet, erst wollte keiner was zeichnen. Aber es ist
ja so unbändig viel Reklame gemacht worden, daß sie nicht anders konnten....Überall
sind jetzt furchtbare Kämpfe, wie man sie noch nicht erlebt hat. Onkel
Gustav und Hans (Vetter) stehen
auch dort. Man kann gar nicht mehr so recht von Herzen froh sein, nur
so äußerlich.
Wolfgang tut Telephondienst, immer 24 Stunden nacheinander.
Das ist ziemlich anstrengend. Aber man ist schon froh, daß er noch nicht
draußen ist. - Heinz' Kamerad Wild ist vor seinen Augen tödlich abgestürzt.
So etwas muß schrecklich sein. Wie leicht kann Heinz dasselbe passieren.
Warum müssen alle Menschen, die man lieb hat, so in Lebensgefahr sein?
Über Freiburg waren 28 Flugzeuge, es soll ein furchtbarer
Angriff gewesen sein. Von Tante Else haben wir noch keine Nachricht.
Es ist so schwer, jetzt Geduld zu haben und nicht zu murren. Man wird
oft gar nicht recht satt. Aber uns hier geht's ja noch viel besser wie
denen in der Stadt. Es muß durchgehalten werden.
Mit Amerika befinden wir uns jetzt auch im Kriegszustand.
Es ist aber, als wäre es noch "neutral" wie ehemals.30
20. April 1917
12 770 Millionen Mark in der 6. Kriegsanleihe!! Die letzte
Kriegsanleihe betrug 10 600 Millionen. So ist es diesmal das meiste
von allen. Das ist schön! Die viele Reklame hat doch etwas genützt.
Es wird jetzt immer schwerer und drückender. Sehr viele Fabriken sind
wegen Streik geschlossen. Kein Mensch wird mehr satt. Man bekommt nur
noch 3 Pfund Brot auf die Woche. Vaters Waldarbeiter, die den ganzen
Tag draußen sind, können sich natürlich nicht soviel Brot mitnehmen.
Andre Sachen gibt es nicht. Kuchen darf nicht mehr gebacken werden.
Wenn es nur erst Grünes gäbe! Aber vorläufig liegt dicker Schnee, und
es schneit fort. Andre Jahre war die Kirschblüte im vollen Gange.
Ich will jetzt mal kurz einen Tag im Krieg beschreiben:
Aufstehen, man wäscht sich mit Kriegsseife (die nur aus Ton besteht),
ißt 1. Frühstück bestehend aus 1 Tasse schwarzen Kaffeeersatz und 2
durchsichtigen Scheibchen Kriegsbrot mit Rübenmarmelade. Dann arbeitet
man (unter Magenknurren) bis zum 2. Frühstück: 2 durchsichtige Scheiben
Kriegsbrot mit Rübenblutwurst (wenn man so glücklich ist, welche zu
besitzen), arbeitet unter wachsendem Hunger bis zu Mittag, ißt Kriegsmehlsuppe,
Runkelrübenpudding mit Rhabarber (alles mit Sacharin gesüßt). Man wird
natürlich nicht satt und kann das Vespern kaum erwarten: schwarzer Kriegskaffeeersatz,
irgendwelches selbstgebackenes Kriegsgebäck. Magen knurrt bis zum Abendessen:
2 durchsichtige Scheiben Kriegsbrot, Suppe, Kohlrüben oder Runkelrüben,
Käse. Man geht magenknurrend ins Bett und wacht mit Heißhunger auf,
um - - nicht satt zu werden! Manche Tage freilich sind etwas besser.
Wir sind noch im Paradies gegen die in der Stadt. Man stelle sich vor,
wie die es haben!
23. April 1917
Brief von Heinz Immisch (Vetter):
"Eigenartig ruhig ist es dieser Tage. Am Sonnabend
war ich mit zwei an meinem für Bomben ja eigentlich nicht eingerichteten
Kampfeinsitzer kunstvoll angehängten Bömbchen à 10 kg über der
Flugstation Megalo auf Tharsos. Ein heftiges Geschieße aus ungefähr
12 Geschützen war gut geleitet, tat mir jedoch nicht weh. Ich warf außer
meinen Bomben noch folgenden Brief ab, der mit einer wassergefüllten
Weinflasche beschwert und durch langen roten Wimpel sichtbar gemacht
war: 'Gentlemen. I beg your pardon for troubling
you in your Sunday afternoon sleeping. For I have not learned your language
you must kindly oversee my mistakes. I'm coming to say you - if you
don't know it - that in Russia a revolution is broken out. Now - in
place of the Zar - a comitee of the Duma is the Russian govemment. I
hope sincerely that my two bombs made only material defect and did not
hurt anyone of you. With kindest greetings Heinz Immisch, Leutnant zur
See.' Eigentlich wollte ich zur Aufbesserung
meiner Kenntnisse um Rückgabe des Briefes nach freundlichst vollzogener
Korrektur bitten.
Eben die Meldung: 'Ein feindliches Flugzeug.' Eine
Stunde fast bin ich mit dem englischen Kameraden in der Luft herumgetanzt,
ohne gegen seine schnellere Maschine recht zum Schuß zu kommen. Er befunkte
mich dafür um so eifriger - aber herzlich schlecht aus 2 Maschinengewehren.
Er hat die Antwort auf meinen Brief abgeworfen. Sie ist ganz entzückend
in deutscher Sprache mit sehr niedlichen Anulkereien. Er trägt mir Grüße
auf an seine guten Freunde in Wiesbaden, Hamburg, Frankfurt, Berlin
und meint: 'Wenn wir Friede haben, werde ich zu Ihen
kommen und mit Ihnen Ihren guten Rheinwein trinken!'"
Das ist doch außerordentlich freundschaftlich!...
Juni
1917
1. Juni 1917
Den ganzen Mai habe ich nicht eine Silbe in Dich geschrieben,
mein altes Tagebuch! Aber diesesmal war's nicht Faulheit, wirklich nicht!
Ich hatte so rasend zu tun; denn Mutti ist ja operiert worden und war
14 Tage in der Klinik. Und in unserm großen Haus gibt's schon zu tun!
- Na, nun aber zur Sache:
Wolfgang ist am 23. ins Feld! Er ist in Galizien in Feuerstellung.
Es kam furchtbar plötzlich. Die Fahrt muß ja interessant gewesen sein.
Darum beneide ich ihn. Er ist über Breslau, Tamow, Przemysl und Lemberg
gefahren und ist jetzt an der Narajowka , ein kleiner Fluß, der, glaub'
ich, in den Dnjestr fließt. Der Abschied von meinem Wolfbruder ist mir
mächtig schwer geworden. Ich will das nicht so näher beschreiben, sonst
weine ich wieder den ganzen Abend, wie gestern, als ich Gretel davon
schreiben wollte. Andere Mädels müssen zwar auch ihre Brüder hergeben.
Aber ich glaube nicht, daß alle Geschwister sich so gut verstehen und
so treue Freunde sind wie wir.
Vom Kriegsschauplatz ist weiter nichts Neues zu berichten.
Man hofft auf Frieden. Man hofft schon lange - -. Man hungert fürs Vaterland.
Aber man hält durch. Es muß ja durchgehalten werden, bis wir
siegen!
8. Juni 1917
Vorgestern bekamen wir folgendes Telegramm: "Heinz gestern
im Lazarett gestorben. Unglück beim Baden. Immisch."
Mehr kann ich nicht schreiben. Es reißt mir das Herz entzwei!
Juli
1917
9. Juli 1917
Lange, lange habe ich wieder nichts geschrieben. Über
Heinz' Tod sind nun nähere Nachrichten da. Er hat einen Kopfsprung gemacht
und ist wahrscheinlich irgendwo aufgestoßen. Es ist zu furchtbar. Ich
habe an ihm einen guten, treuen Freund verloren. Konnte er nicht wenigstens
ehrenvoll durch feindliche Kugeln fallen? Gerade Heinz! Es war der erste
große Schmerz, der mich traf. Aber ich sage mir immer: 'Tapfer, Agnes,
tapfer! Was sollen die armen Immischs sagen!" Und doch wird man den
Gedanken nicht los: Warum, warum muß gerade so ein Edelmensch, so ein
fester, treuer, wahrer, echter deutscher Held auf so schreckliche Weise
umkommen? - Gottes Wille kennt kein Warum!
Wolfgang ist ganz unerwartet wieder nach Dresden gekommen.
Sein Herz hat nicht mitgemacht. Wir sind sehr glücklich, daß er drinnen
ist; denn es toben gerade jetzt die furchtbarsten Kämpfe an der Narajowka.
Wolfgang bekommt am 14.7. 4 Wochen Urlaub. Wenn wir ihn nur recht gut
pflegen könnten! Aber die Nahrungsmittelnot ist wirklich schrecklich
jetzt. Wir haben noch knapp 20 Pfund Kartoffeln. Wenn die alle sind
- dann, ja, was dann wird, wissen wir nicht. Obst - kaum zu bekommen,
ebenso Gemüse. Und wenn man's bekommt, dann rasend teuer! Pfund Kirschen
1 Mark! Satt wird man nie. Jeder Mensch nimmt ab, sogar ich, die ich
immer zunehme. Man kann sich gar nicht denken, wie der Winter werden
soll, wenn noch Krieg ist. Und es ist sicher noch welcher! Es heißt
zwar, im Herbst wäre bestimmt Friede, es seien schon Verhandlungen etc.
- aber, wer glaubt das?!? Die Russen greifen jetzt mächtig an, werden
aber immer zurückgewiesen. Heute steht in der Zeitung: Zusammenbruch
der russischen Massenstürme! Sie müssen nun doch endlich einsehen, daß
sie nichts erreichen. O, dieser Völkerwahnsinn!
24. Juli 1917
Endlich wieder mal ein Sieg! Ein herrlicher, kraftvoller
deutscher Sieg: unsere Truppen stehen vor Tarnopol! Die Russen sind
zurückgeschlagen. Ob nun wohl Friede wird!? Das ist die erste Frage.
Aber ich glaube nicht daran!
Es war jetzt ein großer Reichstag, und dabei ist ein neuer
Reichskanzler gewählt worden.: Dr. Michaelis.31
Es gibt jetzt eine Partei, die will Frieden, auf jeden
Fall Frieden, ganz ohne Entschädigung, nur Frieden. Die andere Partei
will nur Frieden, wenn wir eine ordentliche Kriegsentschädigung bekommen.
Sie sagen: Wofür haben wir sonst gekämpft? Sie sagen auch, ohne Entschädigung
ginge Deutschland seinem Untergang entgegen; denn diese ungeheuren Steuern,
die dann kämen, könnte das deutsche Volk nicht tragen. Außerdem müßten
wir verschiedene wichtige Punkte bekommen, Ausfallstore für kommende
Kriege. Letztere Partei ist die überwiegende und richtige Partei, auf
der wohl die meisten gebildeten Menschen stehen. Aber ich kann auch
die andere Partei verstehen. Ich gehe jetzt nur dem Gefühl und dem Herzen
nach, nicht dem Verstand (denn ich verstehe nicht viel von allem). Ich
denke mir, die Friedenspartei besteht wohl zum größten Teil aus solchen,
die am meisten durchgemacht haben in diesem Kriege und nicht fähig sind,
die Folgen eines voreiligen Friedens vorauszusehen oder zu verstehen.
Sie denken nur an den entsetzlichen Schlachtenlärm, an die Kriegsgreuel,
an all das Furchtbare, was sie erlebt haben und schreien: Frieden, nur
Frieden!
Die andere Partei besteht aus klugen Männern, die das
Wohl unseres Volkes in der Zukunft im Auge haben und genau wissen, was
für Folgen ein Frieden ohne Entschädigung hat. Außerdem gehören zu dieser
Partei Kriegsteilnehmer und Invaliden, die sich sagen: Wozu unser Blut,
wenn alles bleibt, wie vor dem Kriege? und Eltern, die ihre Söhne gaben
und dasselbe sagen. Aber der Gedanke, immer weiter kämpfen, kämpfen,
ohne Ende, er ist zu trostlos. Es kommt mir vor, wie ein steiler, dorniger,
steiniger Weg, der kein Ende nimmt. Es steigen unendlich viele Menschen
den Berg hinan, und einer nach dem andern fällt todwund von den spitzen
Steinen und Domen zur Seite. Die andern klettern weiter, und jeder sagt
sich, lange wird es nicht mehr dauern, dann geht es dir ebenso. Kein
Ende abzusehen! Muß das nicht zur Verzweiflung führen!? Ach, es sind
Helden, es sind große, wunderbare Helden, die nicht den Mut verlieren
und noch klar in die Zukunft schauen und bereit sind, den Frieden zu
erringen, wie ihn das deutsche Volk braucht. In diesen Helden liegt
eine Kraft. Sie haben in sich aufgenommen einen Teil des Geistes, der
die Welt durchwirkt. So erkläre ich mir die Parteien, und so stehe ich
zu ihnen.
August
1917
2. August 1917
Heute beginnt das 4. Kriegsjahr! Was wird es mit sich
bringen? Es beginnt mit einer Riesenschlacht, die alle bisherigen überbietet:
die große Schlacht in Flandern!32
Die Russen werden immer weiter zurückgedrängt. Ach, käme
doch endlich Frieden! Aber, es wird durchgehalten, es muß!
14. August 1917
Wir gehen überall vorwärts. Aber es ist keine Aussicht
auf Frieden. Ob er wohl mal ganz unerwartet kommt? Über Nacht!? Luftschlösser!
- Ich werde jetzt immer herrlich satt; denn wir essen viel Gemüse. Aber
das ist schrecklich teuer... Wir sorgen tüchtig für den Winter vor;
der der wird schlimm. Hoffentlich brechen keine Unruhen aus!
September
1917
21. September 1917
Ach, mein gutes, altes Tagebuch, ich muß mich wirklich
1000mal entschuldigen, daß ich dich so vernachlässigt habe. Du sagst:
"Warum hast du mich denn so vernachlässigt?" Nun ja, sieh mal, das kommt
so von ganz alleine. Erst denkt man, 's ist ja gar nix weiter los da
lohnt sich's nicht zu schreiben, und dann - ja, da wird man immer fauler...
Das sag' ich dir ganz offen, weil ich dir ja alles offen sage. Aber
eine richtige Entschuldigung habe ich auch noch: ich war nämlich krank.
Ja, du denkst, das kommt bei mir gar nicht vor. O ja! Wenn du mit der
Zeit fortgeschritten bist, wirst du nicht fragen, was mir gefehlt hat.
Du wirst wissen, daß man jetzt eben Darmkatarrh hat und Glück
hat, wenn man nicht daran stirbt, denn es sterben sehr viele dran. So,
und nun von den Kriegsschauplätzen.Es steht jetzt im allgemeinen gut.
Hauptsächlich in Rußland. Seit ein paar Wochen ist Riga unser. Ehe Riga
unser war, sollen die Petersburger Damen alle nach Riga gefahren sein,
weil es dort "so billig" sei. Ein Paar einfache Halbschuhe kosteten
über 100 Mark, ein Kostüm mindestens 700 - 800 Mark usw. Wie müssen
danach die Petersburger Preise sein?
In Flandern sind immer noch heftige Kämpfe. Hans Zenker
steht dort. Es ist schrecklich, wenn man einen Menschen, den man lieb
hat, immer in so Gefahr weiß. Es kommt einem oft vor, als müsse man
verzweifeln, daß noch immer kein Friede wird. Ein Zug nach dem andern
fährt hinaus mit jungen, hoffnungsvollen, gesunden Menschen, und ein
Zug nach dem andern kommt in die Heimat mit verwundeten, verbitterten,
sterbenden Menschen oder Krüppeln. O mein Vaterland, deine Söhne - -!?
Aber was hilft's, es muß ja zu Ende gekämpft werden, und jeder einzelne
muß helfen. Ich beneide die Menschen, die noch daran glauben können,
wenn es heißt: in zwei Monaten haben wir bestimmt Frieden, ich weiß
es aus verbürgter Quelle... Ich kann's nicht mehr.
Oktober
1917
24. Oktober 1917
12 ½ Milliarden Kriegsanleihe! Gestern war in der
ganzen Stadt geflaggt, und auf dem Altmarkt wurde 'Deutschland, Deutschland
über alles...' gespielt. Es ist herrlich, daß es so viel ist. Ich habe
noch viel zu schreiben, aber ich habe so viel zu arbeiten, daß ich immer
nur ganz wenig auf einmal schreiben kann. Vielleicht komme ich morgen
dazu.
25. Oktober 1917
Hier in Dresden merkt man schon viel mehr, daß Krieg ist
wie bei uns oben. Man sieht so viele Soldaten, so viele Verwundete und
Krüppel und dann noch so viel andres, was einen an den Krieg erinnert.
Vor den Läden stehen die Menschen zu Hunderten und warten, von Schutzleuten
bewacht, bis geöffnet wird. Das ist hauptsächlich vor den Schokoladenläden,
und es sind meistenteils Arbeiterfrauen, die Zeit haben zu stehen.33
Es ist jetzt schon ein üblicher Ausdruck: "Ich stehe (unleserlich),
oder ich stehe Butter usw. Dann ist auch etwas Neues: Marke Lohengrin!
Z.B. Zwieback Marke Lohengrin, d.h.: nie sollst du mich befragen - -
(nämlich auf welche Weise ich sie ohne Marken bekommen habe). Aber etwas
ganz Reizendes hat der Krieg auch hervor gebracht. Ich komme neulich
abend im Halbdunkel über die Albertbrücke. Plötzlich höre ich einen
schlürfenden Ton, und schon steht ein Riesenungeheuer vor mir. Ich war
natürlich höllisch erschrocken Und was war's? Ein Elefant, der von seiner
Arbeit heimkehrte. Er sah zum Abküssen aus! An den Vorderstapfen hatte
er große Filzpantoffeln, wahrscheinlich, damit er auf dem schlüpfrigen
Asphalt nicht ausrutschte. Er latschte so gutmütig durch die Stadt wie
ein Stück Altertum durch die Neuzeit. Ich will sehen, daß ich mal einen
Elefanten im Großstadtgewimmel knipsen kann. Neulich kamen drei Elefanten
bei uns vorüber, sie trompeteten um die Wette, und ein ganzer Kinderschwarm
lief hinterdrein.
26. Oktober 1917
(Unter diesem Datum fügt
die Tagebuchschreiberin in großen, gemalten Zahlen eine Zusammenstellung
der Ergebnisse aller bisherigen Kriegsanleihen ein):
Die sieben Kriegsanleihen:
| 1. |
4,46
|
Milliarden
|
| 2. |
9,06
|
"
|
| 3. |
12,16
|
"
|
| 4. |
10,70
|
"
|
| 5. |
10,60
|
"
|
| 6. |
13,00
|
"
|
| 7. |
12,50
|
"
|
Damit sind der Reichsregierung zu Zwecken der Kriegsführung
nicht weniger als 72,48 Milliarden Mark zugeflossen.
(Auf der folgenden Seite ist
ein Flugblatt mit folgendem Text eingeklebt):
(Auf der Rückseite des Aufrufs
werden Kilopreise für die abgelieferten Metalle genannt, es werden Begründungen
für die Sammlung gegeben und es wird gesagt, welche Gegenstände für
die Sammlung in Frage kommen):

November
1917
2. November 1917
Ich glaube, ich habe noch nichts von der großen Schlacht
in Italien geschrieben.34
Das ist allerdings schändlich; denn sie übertrifft alle
bisherigen Schlachten und wird uns hoffentlich dem Frieden näherbringen.
Sie ist jetzt am Tagliamento. Das ist ein Fluß mit sehr vielen Armen,
der sehr schwer zu überschreiten ist. Wir haben bis jetzt 180 000 Gefangene.
Es ist immer geflaggt. Erst haben wir Görz und dann Udine eingenommen.
Die Stimmung der Entente ist natürlich entsprechend. Heute stand eine
Rede des Kaisers in der Zeitung, in der er auch sagt, daß jeder Soldat
in Ost und West und auf der See Anteil an diesen Erfolgen habe, denn
all die kleinen Schlachten haben diese große vorbereitet. Das muß doch
ein schönes, stolzes Gefühl für die Soldaten sein! - Leider gibt es
aber immer so schrecklich viele Miesmacher. Eine Dame sagte kürzlich
zu Fabrikarbeitern, um sie zu beschwichtigen, was sie wohl sagen würden,
wenn die Feinde ins Land kämen. Und was antworten diese darauf? "Nun
ja, dann hätten wir eben ein Ende mit Schrecken; das ist doch besser
als solch ein Schrecken ohne Ende." Ich finde das gräßlich. Aber doch
auch wieder so verständlich vom Standpunkt eines ungebildeten, unverständigen
Arbeiters aus. Aber es ist schrecklich, daß unser Volk schon so weit
ist. - Die Lebensmittelverkäufer und -verkäuferinnen sind jetzt so maßlos
unverschämt, daß ich immer vor Wut koche. Ich geh' deshalb gar nicht
gern besorgen. Dieses unverschämte Gesindel! Laufen in seidenen Kostümen,
großen Pelzen usw. herum, trinken Sekt, essen Menüs zu 10 Mark und stehen
wochentags wie die Halbgötter hinterm Ladentisch und grobsen die Menschen
an. Gräßlich!!
8. November 191735
Wieder 17 000 Italiener gefangen. Es sind jetzt im ganzen
250 000 Gefangene!! Der Übergang über den Tagliamento ist erkämpft!
13. November 1917
Neulich legte Oberst Vieweg ein Telegramm auf den Tisch:
"Kerenski ist geflohen." (Kerenski = russischer
Ministerpräsident) und sagte: "Das bedeutet Sonderfrieden
mit Rußland." Daß der Kerl geflohen ist, ist großartig, aber wenn wir
auch Sonderfrieden mit Rußland bekommen, wäre das nicht großartiger?
- In Italien steht's gut, in Frankreich, Rußland etc. auch. Sonst nichts
Neues.
23. November 1917
Jetzt endlich komme ich dazu, all das Wichtige zu schreiben,
was unterdessen geschehen ist. Also Dr. Michaelis ist nicht mehr Reichskanzler,
sondern Graf Hertling, ein 74jähriger Greis (seit
1. November). Er ist mit sehr geteilten Meinungen aufgenommen
worden. Meiner Meinung nach ist er als Reichskanzler schon etwas sehr
alt. Wie lange wird's dauern, daß wir schon wieder einen neuen Reichskanzler
haben? - ...
Wolf hat Glück: er hat schon wieder mal vier Wochen Erholungsurlaub,
den er aber auch sehr nötig hat. Seinem Herzen geht es gar nicht gut.
Eigentlich ist jetzt bis zum Frühjahr Urlaubssperre. Es gibt nur Erholungsurlaub
und ehe einer ins Feld geht, bekommt er Urlaub. Nicht mal zu Weihnachten
gibt es welchen. Wenn ich nach Hause komme, muß er weg. Zu dumm! - Vorgestern
sind die ersten "Katzelmacher" (Italiener) durch Dresden gekommen. In
einem Güterwagen waren immer 70 Mann. Angenehm muß das nicht sein! -
In München sind bis Februar alle Konzerte, Theater usw. geschlossen
wegen Kohlenmangel. Hoffentlich machen sie's nicht in Dresden! So, und
nun: Das Beste zuletzt. Am 20. war ich in der Versammlung der Vaterlandspartei,
in der Tirpitz gesprochen hat.36
Nun kann ich doch auch mal was berichten, mein gutes Tagebuch,
was wirklich wertvoll ist. Eigentlich durften Personen unter 18 nicht
hinein, weil es eine politische Versammlung war. Mir hat aber niemand
angesehen, daß ich erst 17 bin. Wolfgang ist ganz gegen die Vaterlandspartei.
Aber ich bin ganz dafür. Das beste ist, wenn man sich mit Wolfgang überhaupt
nicht über Politik unterhält, denn das ist leider sehr unerquicklich.
- Ich glaube, ich habe nun von der Vaterlandspartei noch gar nichts
geschrieben? Da berichte ich also jetzt alles. Tirpitz ist der 1. Vorsitzende.
Er hat in Dresden an einem Tage dreimal gesprochen. Nachmittags im Sarassani
und abends im Vereinshaus und Gewerbehaus. Ich war im Vereinshaus. Jeder
Platz war besetzt, und in den Gängen standen noch massenhaft Menschen.
Als Tirpitz hereinkam, wurde er schon mit stürmischem
Beifall begrüßt. Herr Geheimrat Vogel eröffnete die Versammlung und
sagte Seiner Exzellenz, Herrn Großadmiral Tirpitz im Namen aller Dank,
daß er hier in Dresden reden wollte. Er sagte auch schon einiges über
die Vaterlandspartei und rühmte die Erfolge unserer trefflichen U-Boote.
(Was will die Vaterlandspartei: Sie will den Siegeswillen neu
wieder zum Ausdruck bringen und sie will einen Frieden, der Deutschland
gegen die Gefahren, die ihm nach dem Kriege drohen, sicherstellt.) Er
teilte der Versammlung mit, daß die Vaterlandspartei in Sachsen schon
70 000 Mitglieder habe, davon allein in Dresden 10 000.
Er gab dann das Wort an Tirpitz weiter. (Wieder stürmischer
Beifall. Nicht enden wollendes Hochrufen und Klatschen.) Er ist eine
große, breite Gestalt, und sein besonderes Merkmal ist ja der geteilte
Bart. Seine Persönlichkeit hat mir einen tiefen Eindruck gemacht, den
ich nicht wieder vergesse. Man hatte das Gefühl, als könnten ihm seine
Widersacher nie etwas anhaben, als stünde er viel zu hoch über ihnen.
Er stellte in seiner Rede "deutschen Frieden" und "Verzichtfrieden"
(wie ihn Scheidemann - SPD - haben will) einander gegenüber. Es könne
dem Deutschen nicht genug klargemacht werden, wieviel an einem "deutschen
Frieden" läge. (Ziel erkannt, Kraft gespannt!) Er wurde sehr oft durch
Klatschen, Trampeln, Hoch- und Bravorufen unterbrochen. Die Begeisterung
war herrlich. Und ich so mittendrin in der wüsten Masse und mitapplaudiert,
wie ich nur konnte. Köstlich, herrlich war es! Die Menschen sind im
großen und ganzen jetzt so gleichgültig und dösig. Es war erfrischend,
mal einen Haufen Wache zu sehen.
Tirpitz gab dann das Wort an Herrn Rittmeister Schiffner
(?), der auch mit großem Jubel begrüßt wurde, er hielt die Hauptrede.
Er riß die Zuhörer mit sich, und die Begeisterung wuchs mehr und mehr.
Schiffner konnte kaum einige Worte sprechen, als er von der Versammlung
schon wieder mit "hoch", "bravo", "sehr richtig" und Klatschen und wüstem
Trampeln unterbrochen wurde. Er sagte, daß dieser Krieg nur die Auseinandersetzung
Deutschlands mit Englands wäre, die kommen mußte. Es gibt für diesen
Krieg nur zweierlei: Sieg oder Niederlage! Kein drittes. (Stürmischer
Beifall!) Der feste Siegeswille sei dem deutschen Volke so notwendig.
An dessen Stelle sei jetzt das Friedensgewimmere getreten (leider!),
das den Krieg nur verlängert (sehr richtig!). Rittmeister Sch. war selbst
bis vor kurzem im Felde. Er sagt: Dieses Friedensgewimmere wirkt nur
niederdrückend auf die im Felde. Sie haben es auch satt, sehr satt und
haben wirklich mehr Grund dazu als die in der Heimat. Aber sie jammern
nicht nach Frieden, weil sie wissen, daß es absolut nichts nützt, ja,
nur schadet. Das Heer ist jetzt der personifizierte kategorische Imperativ.
Deshalb müssen wir auch durchhalten, und wenn wir uns die Lage
recht besehen, so können wir durchhalten, und darum wollen
wir's auch! (Bravo! Sehr richtig! Klatschen!) Er führte dann noch unsere
glänzende Lage vor Augen, rühmte die U-Boote (die Erzberger - Zentrum
- so schlecht macht), erwähnte, daß die deutsche Frau jetzt soviel auf
ihre Schultern zu nehmen habe und wies auf unsere prächtigen Führer
Hindenburg und Ludendorff hin und sagte, wie wir doch zu Dank verpflichtet
wären (stürmischer Beifall). Er schloß mit den Worten, daß der Feinde
Macht Deutschland nicht besiegen könne, sie müßten denn seine Männer
unter seinen Trümmern begraben. Das Klatschen und Trampeln wollte nicht
enden. Die markigen, zündenden Worte sind, glaube ich, jedem zu Herzen
gegangen. Ein Herr (ich verstand nicht, wer es ist) sprach noch einige
Schlußworte, worin er jedem ans Herz legte, an seinem Teil mitzuwirken
für einen deutschen Frieden. Mit dem Lied: "Deutschland, Deutschland
über alles" schloß die Versammlung.
Ich habe mit Absicht den Zeitungsartikel über den Tirpitzabend
nicht gelesen und klebe ihn auch nicht ein. Ich will nur das geschildert
haben, was ich selbst erlebt und mir gemerkt habe. Der Abend hat in
mir eine neue große Liebe für mein Vaterland angefacht. Ich kann wieder
den alten Stolz empfinden, eine Deutsche zu sein.
Dezember
1917
6. Dezember 1917
Ach, mein gutes Tagebuch, denke, es ist kaum zu fassen,
aber es gibt wieder eine Hoffnung auf Frieden. Rußland hat uns den Frieden
angeboten, und an der Ostfront ist schon Waffenstillstand! Die Unterhandlungen
sind schon seit Sonntag im Gange. Oh, wenn es würde! Es wäre doch ein
Anfang, und man kann hoffen, daß dann bald allgemeiner Friede wird.
Es gibt nichts, was mich mehr erfüllt als das. Frieden - - man kann
es sich gar nicht vorstellen! Die Spannung ist natürlich groß!37
Es ist schon so bald wieder Weihnachten. Das viertemal
im Kriege. Es gibt viele, die glauben felsenfest, daß zu Ostern Frieden
ist. Ach, könnte ich auch so felsenfest glauben! Jedenfalls muß man
jetzt noch tapfer durchhalten und darf nicht ungeduldig werden! Und
gehen die Feinde nicht auf unsere Bedingungen ein - einen Verzichtfrieden
schließen wir nie und nimmer - so kämpfen wir weiter, und wir in der
Heimat müssen durchhalten! Was werden die nächsten Tage bringen?
11. Dezember 1917
An der Ostfront ist immer noch Waffenstillstand und jetzt
auch an der rumänischen Front. Sicherlich ist bald Friede mit Rußland!
Aber auf allgemeinen Frieden scheint mir bis jetzt keine Aussicht; denn
England hetzt, und ihm steht Amerika zur Seite. Wilson (US-Präsident)
ist bodenlos unverschämt. Aber wenn wir erst mal mit Rußland Frieden
haben, dann bekommen wir ja soviel Truppen frei, daß wir den Engländern
und Franzosen tüchtig auf die Pelle rücken können. Dann werden sie sich
die Sache mit dem Frieden schon auch überlegen.
Heute habe ich etwas sehr Witziges gesehen: einen Wagen
mit zwei Kamelen bespannt! Sah das komisch aus! An die Elefanten hat
man sich schon so ziemlich gewöhnt, aber Kamele - ! Sie machten so hochmütige
Gesichter, als wollten sie sagen: "Ph, wir sind ja eigentlich viel
zu edel, um als Zugtiere verwendet zu werden, aber wir wollen euch schon
den Gefallen tun!" Die dummen Kamele!
1918
Januar
1918
10. Januar 1918
Guten Morgen, mein liebes, gutes Tagebuch. Ich gratuliere
dir von Herzen zu deinem 5. Geburtstag. Hoffentlich haben wir vor deinem
6. Geburtstag Frieden. Ich hatte so sehr gehofft, daß das schon zu deinem
5. der Fall sein würde. Aber - nichts! Die Engländer sind auch noch
zu bodenlos frech. Die müssen erst noch mal was Tüchtiges abbekommen.
Sie stellen Friedensbedingungen, als ob sie die glänzendsten Sieger
wären. Man sollte doch den Unsinn gar nicht anhören.38
Wenn Hindenburg und Ludendorff nicht wären, würden wir
wahrscheinlich so einen schwächlichen Verzicht-Scheidemann-Frieden geschlossen
haben. Da wollten Hindenburg Ludendorff ihren Abschied nehmen. Es war
große Aufregung. Es wäre auch zu entsetzlich. Deutschland läßt seine
größten und tüchtigsten Männer gehen, um einen Verzichtfrieden zu schließen,
einen Frieden, für den es sich vor der Zukunft und vor den vielen Opfern
schämen müßte! - Wenn es soweit käme, dann müßte man seinen deutschen
Stolz verlieren! Drum darf es nicht soweit kommen, auf keinen Fall,
und wir brauchen unsern Hindenburg, er darf nicht gehen, sonst sind
wir verloren... Ich spreche nie, fast nie von politischen Dingen, erstens
weil ich zuwenig davon verstehe und zweitens, weil ich mich nicht auszudrücken
weiß. Aber es beschäftigt mich ja alles so sehr, so sehr!...
31. Januar 1918
's ist immer noch kein Frieden. In Brest-Litowsk sind
sie nicht unter einen Hut zu bringen. In Berlin ist Arbeiterstreik,
und in Danzig soll sogar die Werftarbeit ruhen.39
Lloyd George prophezeit die Revolution für Deutschland
und Englands sicheren Sieg. Es wäre entsetzlich, wenn richtige Revolution
ausbräche!
Februar
1918
7. Februar 1918
...sehr weit werde ich heute auch nicht kommen, denn ich
habe immer schrecklich viel zu tun. Am Sonntag ist heiterer Abend in
der Tellkoppe. Ich spiele in 2 Theaterstücken mit und auch noch Klavier.
Außerdem bin ich jetzt Köchin, und dann muß ich auch noch tüchtig für
meine Dresdner Stunden arbeiten. ... Die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk
sind recht kunterbunt. Sehr viel Aussicht auf Frieden ist nicht. Na,
und England hetzt natürlich. Trotzki verbreitet Hetzschriften in Deutschland,
dieser Kerl! Wie er das nur kann! Eine Zeitlang sind gar keine Berliner
Zeitungen gedruckt worden. Man sollte nicht erfahren, wie's steht. Jetzt
soll der Streik behoben sein. Gott sei Dank.!...
14. Februar 1918
Am Sonnabend erfuhren wir, daß wir mit der Ukraine Frieden
geschlossen haben. Das ist der erste Friede im Weltkrieg. Alle Menschen
sind glücklich darüber, es ist doch ein Anfang. Und nun hat auch Trotzki
den Kriegszustand für beendet erklärt und läßt demobilisieren. Aber
es ist wahrscheinlich alles nur Schein und er will uns in den Rücken
fallen. ...
März
1918
1. März 1918
Rußland ist auf die deutschen Friedensbedingungen eingegangen
und hat sie unterzeichnet. Das ist herrlich! Nun können viele, viele
Truppen nach dem Westen. Und die Bedingungen sind gut, streng; gar nicht
so michelhaft gutmütig, wie man erst fürchtete. Es kommen jetzt unmassig
Soldaten nach dem Westen. Wolfgang ist auch k.v. geschrieben, obwohl
es seinem Herzen noch gar nicht gut geht. ...Es werden eben jetzt sehr
viele Soldaten gebraucht, um im Westen einen tüchtigen Schlag auszuführen,
damit wir bald Welt-Frieden haben!
8. März 1918
4. März: Friede mit Groß-Rußland!
6. März: Vorfriede mit Rumänien!
8. März: Friede mit Finnland!
Ist das nicht herrlich, mein gutes, altes Tagebuch, was
ich dir heute zu verkünden habe? ...Ach, wenn das so weiterginge! So
wie im Anfang täglich eine Kriegserklärung kam! Und zuletzt müßte nur
noch England übrigbleiben, und wir können alle frei gewordenen Truppen
dort landen lassen, um dem lieben John Bull freundschaftlich mit der
dicken Berta (= weittragendes Geschütz)
einen Besuch abzustatten! Und dann Weltfriede, und der Krieg vorbei
- zu Ende - -Träume! Jetzt sind wir noch mittendrin. Neulich habe ich
auf dem Neustädter Bahnhof einen Transportzug gesehen, der die Truppen
vom Osten nach dem Westen brachte.Vorn waren eine Menge Sanitätswagen,
an denen der russische Schlamm in dicken Batzen klebte. Dann kamen Viehwagen,
wahrscheinlich mit Pferden, und dann Personenwagen mit Mannschaften
und Offizieren. Die winkten, johlten, jubelten und riefen uns zu, daß
es ein Höllenspektakel war. Die einzelnen Wagen waren mit Porträts -
wohl vom Zaren und Trotzki usw. - und mit "feldgrauem Humor" bemalt...
Die armen Kerle - es ging nach dem Westen!
10. März 1918
Neulich habe ich in Leipzig einen erbeuteten englischen
Tank gesehen. Er war ganz zerschossen und sah grauenerregend aus. So
ein Dings kann über Gräben wegkriechen und kleine Bäume fällen. Es hat
keine Räder, sondern bewegt sich durch Ketten vorwärts. ... Es muß unheimlich
sein, wenn sich mit lautem Gebrumm so ein Ungetüm nähert. Als sich auf
dem friedlichen Leipziger Markt die Menschen mit Vorsicht das zerschossene
Ding betrachteten, kam es mir vor, als wär's ein totes Raubtier, vor
dem man Angst hat, es könnte noch nicht ganz tot sein und plötzlich
aufspringen....
Neulich habe ich noch etwas gesehen, was mich ganz furchtbar
aufgeregt hat: ein Gefangenen-Friedhof. Es war in Königsbrück. Der Friedhof
liegt auf weiter, weiter Ebene in einem kleinen Wäldchen. Es sind erschrecklich
viele Gräber. Alle nur mit einfachem Kreuz und Namen. Es waren an diesem
Tage zwei Begräbnisse gewesen, und zwei Gräber waren schon für den nächsten
Tag zurechtgemacht. Der Wind rauschte in den Bäumen, und sonst war's
still, ganz still - -! Wie weit waren die von ihrer Heimat, die hier
lagen! Und wie viele Deutsche mögen fern der Heimat im Feindesland begraben
sein?!
29. März 1918 (Karfreitag)
Karfreitag ist heute, ein rechter großer Tag und doch
nicht mehr so traurig, weil wir die Auferstehungsgewißheit haben. Übermorgen
ist Ostertag, der Freudentag: Christ ist erstanden! Siegestag, Friedenstag!
So gehen wir auch jetzt einem Siegestag, Friedenstag, Freudentag entgegen,
dem Tag, an dem Deutschland einen guten Frieden mit allen Völkern geschlossen
hat! Daß er kommt, ist gewiß; doch wir können jetzt auch hoffen, daß
er bald kommt! Ja, mein liebes, liebes Tagebuch, wir erleben jetzt lauter,
lauter Freudentage! Deutschland kämpft die große Entscheidungsschlacht
im Westen, und es siegt! Im Sturm gehen unsere Truppen vor.40
... das Schönste ist, daß wir aus 120 km Entfernung auf
Paris geschossen haben! Die Pariser fliehen nach dem Süden. Es ist ganz
riesenhaft, was unsere Truppen dort im Westen leisten. Es muß uns nun
doch dem Frieden näherbringen! - Natürlich werden wir auch tüchtige
Verluste haben, sie sollen aber im Vergleich zu denen der Feinde gering
sein. - Der Sohn von Vaters Freund, U-Bootführer Waßner, hat den Pour
le mérite bekommen. Muß das herrlich sein! Jede seiner Fahrten
geht auf Leben und Tod.
Manchmal bin ich ganz verzweifelt, daß ich, weil ich ein
Mädel bin, niemals mitkämpfen kann, mir niemals das Eiserne Kreuz erringen
kann. Wenn ich ein Junge wäre, würde ich jetzt mit eingezogen, oder
ich könnte mich freiwillig melden. Ach, und ich fühle soviel Kraft,
Begeisterung und Feuer in mir! Ich muß mich austun können, meine Kraft
gebrauchen, nicht nur am Herd stehen, ich will - brrr - da steht es
wieder hinter mir, das Gespenst mit dem Namen Vernunft legt mir seine
schöngepflegte Hand auf die Schulter und sagt: Du gehörst in die Küche,
mein liebes Kind, hübsch ruhig sein! Ja, und dann gibt's einen Funken
in mir, und dann brennt's lichterloh, ich balle meine Hände zu Fäusten,
beiße die Zähne zusammen und sage dann ruhig: "Ja, ja, freilich, ich
muß vernünftig sein!"
Könnte ich nur auf dem Kopfe laufen oder an den Wänden
in die Höhe oder sonst irgendwas, damit ich nicht wie ein wildes Tier
tobe! Ihr lieben Enkel und Urenkel, die ihr im nächsten Jahrhundert,
während ihr im Flugzeug zur Teegesellschaft nach London fahrt, vielleicht
aus langer Weile die vergilbten Blätter meines Tagebuchs lest, nehmt
euch lieber kein Beispiel an eurer sel'gen Ahne, das war ein mächt'ger
Brausekopf noch mit ihren 17 Jahren, und ich fürchte, sie ist's noch,
wenn die 7 vorne und die 1 hinten steht. ...
April
1918
8. April 1918
Jetzt ist's Abend, und ich habe einen arbeitsreichen Tag
hinter mir ...ich bin auch sehr müde. Na, mal sehen, wie weit ich komme.
Also, im Westen geht's immer vorwärts, Amiens wird beschossen. Alle,
die den Vormarsch mitmachen, schreiben kurz, aber begeistert. Hans (Vetter)
: "Singend, wie in den ersten Tagen des Krieges wälzen sich die
Massen vorwärts. Ich hoffe nur, daß es Euch so gut geht wie uns hier
draußen!" Es muß erhebend sein, da mitmachen zu können. Jetzt ist mein
Jahrgang, die 1900er, gemustert worden und wird wahrscheinlich im Mai
eingezogen. Wenn ich ein Junge wäre, ich wäre sicher k.v., ich bin ja
so gesund! Dann möcht' ich zur Marine oder zu den Fliegern, und wenn
ich da nicht ankomme, zu den Pionieren. ...
28. April 1918
20 Tage habe ich nichts geschrieben, vor Großreinemachen
bin ich nicht dazu gekommen. Es ist wirklich schändlich. Wir haben für
½ Jahr ein "Kriegskind" angenommen, Elisabeth Hauswald: braunes
Haar, braune, fast schwarze Augen, durchsichtig, blaß und so groß wie
ein fünfjähriges Kind. Ich versorge es ganz allein und bin von Herzen
froh über meine kleine Liesel... Rittmeister Freiherr von Richthofen
ist abgeschossen und dabei getötet und von Engländern begraben worden.
Er hatte seinen 80. Luftsieg errungen! Jeden Tag hat man eigentlich
schon damit gerechnet, und doch kam es so plötzlich. - All' die jungen
Menschen mit Idealen und hohen Zielen, die noch soviel vorhaben in dieser
Welt - alle müssen sie ihr Leben lassen, einer nach dem andern, 's ist
zu entsetzlich! Man kann nicht mehr so von Herzen froh werden - mir
ziehen immer traurige, schwermütige Weisen durch den Kopf, es ist, als
laste ein Druck auf meiner Seele.
Aber nun von etwas Schönerem, Erhebendem: Es geht im Westen
tüchtig vorwärts. Wir haben jetzt den Kemmel, einen stark befestigten
Berg (156 m) erobert. Ob das Franzosen-, Engländer und Amerikanerpack
nicht bald mürbe ist, daß es zum Ende kommt?41
Mai
1918
9 Mai 1918
... Im Westen geht's jetzt langsamer, aber ständig vorwärts.
Aber nach Frieden sieht es noch nicht aus. ... Hier im Genesungsheim
"Halali" ist ein fast blinder Soldat. Der wünschte sich glühend eine
Guitarre für die Zeit, die er hier ist. Ich habe mir nun vor ein paar
Wochen eine für 50 Mark selbst erstanden, ein wundervolles Instrument,
das ich schon zärtlich liebe. Ich habe mir nun die "gute Gi" für einige
Zeit von der Seele gerissen und sie ihm geborgt. Ich bin so glückselig,
daß ich auch einmal etwas Gutes für einen armen Krieger tun kann. ...
27. Mai 1918
... Von den Kriegsschauplätzen ist jetzt gar nicht viel
zu melden. Im Westen scheint eine Ruhepause eingetreten zu sein. Ein
Ende nicht abzusehen! Es ist zu trostlos. Und all' die blühenden, jungen
Menschenleben! Und warum! -
Juni
1918
4. Juni 1918
Hurra! 's geht wieder tüchtig vorwärts! Wir haben Loisson
genommen und auch einige Forts von Reims. Wir haben über 175 000 Gefangene
und 2 000 Geschütze im Westen eingebracht. Die Marne ist überschritten.
Paris wird alle 8 Minuten mit einem Gruß von unserer dicken Bertha "beglückt"!
Es ist wirklich ganz herrlich jetzt. Man wundert sich nur, wie die Franzosen
noch obenauf sind und ihr Volk weiter belügen.
August
1918
3. August 1918
Mir ist eingefallen, daß ich eigentlich mein Tagebuch
recht vernachlässige. Ich möchte gern recht oft schreiben und recht
ausführlich. Aber 's wird halt immer nicht. Jetzt ist man fast jeden
Tag in den Pilzen oder Beeren, oder man geht hamstern oder einkaufen:
kurz, es dreht sich alles ums liebe Essen. Das ist eigentlich scheußlich
und muß doch sein. Es ist wieder mal recht knapp und maßlos teuer. ...
Es ist gar kein bißchen Aussicht auf Frieden! Im Gegenteil: im Osten
scheint's sogar wieder zu gären. Es ist ein furchtbar trostloses Gefühl,
sich immer sagen zu müssen: jetzt, während du hier sitzt, sind die,
die du lieb hast oder die dir nahestehen, vielleicht mitten in der wildesten
Schlacht oder schon nicht mehr am Leben. Zu entsetzlich ist's! Und dann
erlebt man soviel Ungerechtes und Gemeines jetzt und soll immer so optimistisch
und fröhlich sein. Unmöglich scheint's fast! Und muß, muß doch sein!
28. August 1918
... Eine Masse habe ich erlebt in der letzten Zeit. Aber
da muß ich erst mal sortieren, denn alles gehört nicht ins Kriegstagebuch.
Auf meiner Reise (ich war vorige Woche in Leipzig und Berlin) habe ich
mal was Ordentliches von Volksstimmung erfahren. Denn in der 3. Klasse
fahren ja jetzt hauptsächlich Arbeiter, und da wird natürlich tüchtig
Politik getrieben. Mir ist's bei der Unterhaltung himmelangst geworden.
Es wurde furchtbar auf die "Großen" geflucht. Die Hunde müßten alle
kalt gemacht werden, hieß es. Die Menschen waren alle schrecklich verbittert.
Einer sagte: "Wenn von uns Armen einer bald vor Hunger umkommt und nimmt
sich infolgedessen mal ein Brot weg, so wird er gleich eingesperrt.
Die "Großen" machen Schiebereien etc. und leben herrlich und in Freuden,
- da sagt niemand etwas." Und der hatte recht, so ist's jetzt! Man könnte
fast verzweifeln! Wo ist die Gerechtigkeit? Warum ist dieser furchtbare
Krieg?
In Berlin merkt man nicht viel vom Krieg. Die Vergnügungslokale
sind voll besetzt, ebenso die Cafés. Auch die Kleidung und das
ganze Leben und Treiben der Berliner ist alles andere als kriegsmäßig.
- Ob's in Paris auch so friedlich aussieht?
Unsere letzte Offensive soll verraten worden sein. Wir
haben ein großes Stück zurückgehen müssen. Aber es gelingt wenigstens
dem Feind nicht, unsere Linien zu durchbrechen. In Frankreich stehen
uns jetzt Amerikaner gegenüber. Das sollen gut ausgeruhte und kräftige
Menschen sein, die auch moralisch noch auf der Höhe sind. Das alles
hilft natürlich, den Krieg noch bedeutend zu verlängern. Im 5. Jahr
sind wir nun schon.42
Oktober
1918
9. Oktober 1918
Endlich, endlich, mein altes Tagebuch komme ich mal wieder
dazu, mit dir zu plaudern. Aber Freudennachrichten bringe ich dir nicht,
und auch scherzen mag ich heute nicht mit dir, sondern ganz ernst mit
dir reden. Denn ernst, bitterernst ist jetzt die Lage. Ein kurzes Bild
will ich mal zeichnen, wie jetzt alles steht:
Bulgarien hat mit den Mittelmächten Sonderfrieden geschlossen.
Politisch ist Deutschland uneinig, Hertling ist nicht mehr Reichskanzler.
Sein Nachfolger ist Prinz Max von Baden. Im Westen drängen uns die Feinde
immer mehr zurück. Prinz Max hat als erste Amtshandlung den Feinden
den Frieden angeboten. Die Note ist an Wilson gerichtet worden, an den
Amerikaner Wilson, den gräßlichsten, gemeinsten Kerl, den es in der
Weltgeschichte gibt. Er hat früher mal 14 Punkte aufgestellt, Bedingungen
für einen Frieden mit Deutschland. Sie sind bodenlos unverschämt.43
Die Bedingungen nun hat sich Max von Baden anzunehmen
bereiterklärt. Wir sind gezwungen dazu, wir müssen Frieden haben,
unbedingt. Und Prinz Max können wir vertrauen. Er soll ein ganz prachtvoller
Mensch und ausgezeichneter Politiker sein. Der ekelhafte Wilson hat
nun gesagt, mit einer Nation, die keine Ehre hat, wolle er nicht verhandeln.
Also wird er das Angebot wohl ablehnen.44
Wir wüssen weiterkämpfen mit all' unsrer Kraft. Die Munition
geht zu Ende, Rohmaterialien ebenso, Lebensmittel sind schrecklich knapp.
Was soll werden? Die Zukunft liegt grau vor uns. 's ist alles so trostlos.
Das viele, viele Blut, das vergossen worden ist, all' die vielen jungen
Leute! Und dann womöglich einen so schmachvollen Frieden! Das arme,
arme Vaterland! Aber ich meine, je schlimmer es wird desto mehr haben
gerade wir jungen Leute, und besonders wir Mädchen die Pflicht, Sonne
zu verbreiten und nach den Sternen zu schauen und andern die Sterne
zu zeigen, die ja immer da sind, auch wenn oft Wolken davor sind.
11. Oktober 1918
Wilsons Antwort ist da (amtlicher Text noch nicht eingangen):
Deutschland soll noch klarer den Inhalt und Sinn seines Angebots (Waffenstillstandsbitte)
ausdrücken. Vielleicht werden die Herren Feinde so gut sein, einen Waffenstillstand
mit uns abzuschließen. Hauptbedingung ist natürlich, daß wir alles besetzte
Gebiet räumen (damit die Kerle unterdessen rüsten und in unser Land
einfallen können!) So wird's, wenn wir darauf eingehen. Gehen wir aber
nicht darauf ein, so müssen wir weiterkämpfen und werden uns alle verbluten.
So oder so: gut geht's uns auf keine Weise. Das alles muß das tapfere
Deutschland durchmachen, das so lange gegen eine Welt von Feinden standgehalten
hat. Es ist zu schrecklich! Aber ich glaube, in der Weltgeschichte wird
Deutschland immer einzig-groß dastehen, daß es so viele Feinde mit der
Waffe besiegt hat.
13. Oktober 1918
Die deutsche Antwort an Wilson: Die deutsche Regierung
hat die Sätze angenommen, die Wilson als Grundlage eines dauernden Rechtsfriedens
niedergelegt hat. Die deutsche Regierung erklärt sich im Einvernehmen
mit der österr. Regierung bereit, zur Herbeiführung eines Waffenstillstands
den Räumungsvorschlägen des Präsidenten zu entsprechen (also werden
alle unsere Truppen aus besetzten Gebieten zurückgenommen).
Der Kanzler handelt im Einvernehmen mit dem Generalstab
(also auch Hindenburg!) und der großen Mehrheit. - Das ist in kurzen
Worten der heutige Zeitungsinhalt. Es steht da so kalt und schwarz auf
dem nüchternen Papier und ist doch so wichtig. Und so viele 1000 Menschen
lesen's, und so viele Gemüter erregt's. Was wird nun? Es wird furchtbar
viel gestritten, die einen finden den Schritt richtig und sind froh
darüber, andere sind entsetzt und wollen Revolution machen. Ich stehe
so dazu: Mein erster Gedanke war: es wird Friede werden. Und im Gedanken
an alle, die draußen stehen und die wir dann wieder in der Heimat haben
sollen, wurde ich ganz glücklich. Aber dann überkam mich unendliche
Traurigkeit: Was für ein Friede wird es aber werden? Ist er die vielen,
vielen Opfer wert? Und das ist ja bestimmt: ein Sieg-Friede wird's nicht.
Die Amerikaner spielen sich als glänzende Sieger auf. Wir sind jetzt
völlig in der Hand der Amerikaner. Denn wenn wir unsere Truppen aus
den befestigten Stellungen im Westen zurücknehmen, müssen wir alles
tun, was sie sagen. Wenn wir es nicht tun, und sie beginnen von neuem,
kommen die Feinde sofort ins Land. - Aber was nützt das alles: da Hindenburg
einverstanden ist, müssen wir vertrauen und ruhig sein, daß wenigstens
im Inlande Einigkeit herrscht.
17. Oktober 1918
Ganz entsetzlich ernst und schwer und traurig ist jetzt
die Zeit. ... Es ist mir, als ob mein Herz blutete, so weh tat's immer.
Ich kann verstehen, daß viele jetzt die beneiden, die unter der Erde
liegen. Wenn ich nicht jung und voller Kraft wäre, täte ich's auch.
Aber so will ich da sein, wenn mich das Vaterland braucht, ich will
ihm helfen, helfen, o - wenn ich's doch könnte! Warum bin ich hier mitten
im ruhigen Lande, ein Mädchen, das für das leibliche Wohl einiger Menschen
und Tiere sorgen muß und das nicht hinaus kann, mitten da hinein, wo
man Deutsche braucht ... Wilson macht so himmelschreiende Bedingungen,
daß, wenn es Gerechtigkeit und Wahrheit gäbe, sich die ganze Welt dagegen
aufbäumen müßte: wir sollen nicht nur das besetzte Gebiet verlassen,
wir sollen den Kaiser, unseren Kaiser Wilhelm absetzen, Revolution machen,
die Hohenzollem vernichten. Die Feinde wollen unsere befestigten Städte
besetzen, wir sollen uns ihnen völlig ergeben, sollen unser Deutschland
opfern, dann, ja dann werden die Herren so freundlich sein, sich zu
einem Waffenstillstand mit uns herbeizulassen. Wenn Gott doch unsere
Staatsmänner und alle, die über den Frieden zu verhandeln haben, stark
machen möchte, ihnen Kraft geben möchte, Kraft, "Nein" zu sagen. "Nein,
wir gehen nicht auf Eure wahnsinnigen Bedingungen ein, nein und abermals
nein! Wir kämpfen bis wir sterben, wir geben unser Deutschland, unsere
Ehre nicht her!"...
November
1918
4. November 1918
Ich habe nie gedacht, daß ich einmal so gräßlich unpatriotisch
sein würde, wie ich jetzt bin. Alles in mir schreit nur immer: Frieden,
Frieden, Frieden! Im übrigen kümmere ich mich um nichts oder sehr wenig.
Es ist ja alles schändlich, und es müssen immer mehr junge Menschen
sterben. Außerdem geht die Grippe (Influenza) zum zweitenmal um. Auf
der ganzen Welt tritt sie auf und viel schlimmer als das erstemal. Die
meisten Menschen bekommen Lungenentzündung dazu und sterben dran. Jeden
Tag stehen viele in der Zeitung, die daran gestorben sind, besonders
weibliche Wesen von 12 bis 30 Jahren. ... Es kommt mir vor, als sollte
ein Ausgleich stattfinden. Weil soviel junge Männer sterben, müssen
halt auch junge Mädels weg. Warum nicht!...
Abschluß des Waffenstillstandes mit Österreich-Ungarn!
... Die wüstesten (Waffenstillstandsbedingungen)
will ich abschreiben:
5. Aufrechterhaltung der Seeblockade seitens der verbündeten Mächte
unter den gegenwärtigen Bedingungen. Österr.-ungar. Schiffe, die auf
der Fahrt angetroffen werden, unterliegen der Kaperung! (Das ist Waffenstillstand!!)
11. Rückgabe aller Gefangenen der verbündeten Mächte, ... die sich
in der Gewalt Österr.-Ungarns befinden, ohne Verpflichtung der
Gegenseitigkeit.
5. November 1918
So etwas ist doch noch nie dagewesen: eine Partei muß die Gefangenen
hergeben, und die andere behält sie. Es scheint überhaupt keine Gerechtigkeit
mehr zu geben. Die fürchterlichsten Gerüchte werden verbreitet: die
Tschechen kämen! Da wir nahe an der Grenzen sind und die Verkehrsstraßen
von Moldau und Teplitz hier vorbeiführen, so kommen die Kerle natürlich
zuerst zu uns. Aber ich glaub' nicht dran. Ich denke, daß wohl die Franzosen
zuerst über den Rhein kommen werden....
9. November 1918
Ja, gut ist's, daß man nicht in die Zukunft schauen kann. Mit jedem
Tage kommen schlimmere Berichte in die Zeitungen. ... Wir haben jetzt
Revolution. In Kiel hat es angefangen. Berlin war eine Zeitlang für
allen Außenverkehr abgesperrt. In Leipzig und Dresden: Arbeiter- und
Soldatenrat. Post besetzt. Polizei rüstet ab. Einführung der sozialistischen
Republik in die Wege geleitet. Soldaten halten Offiziere an und zwingen
sie zur Übergabe der Waffen. Elektrische werden angehalten. Mit lautem
Johlen ziehen halbwüchsige Burschen und Soldaten durch die Straßen und
bringen Hochs auf die sozialistische Republik aus. Jeder Soldat, der
angetroffen wird, muß mitziehen. Bayern ist bereits Republik, in Sachsen
steht es noch bevor, ganz Deutschland wird bald ohne Führer sein: ein
undankbares, wütendes Volk ohne Disziplin und Ordnung! Die Gefängnisse
werden geöffnet, und die Gefangenen fallen nun, da nicht für sie gesorgt
ist, raubend und plündernd über ihre eigenen Landsleute her.
So sieht es jetzt in unserm Deutschland aus.
Die Menschen sind alle außer sich. ... Und das alles mußte kommen nach
vierjährigem Blutvergießen und kurz vor dem Waffenstillstand. Und man
kann nichts tun, nichts, nichts! Unser Vaterland!45
11. November 1918
Schlag auf Schlag geht es jetzt. Jeden Tag steht Neues in der Zeitung,
aber jeden Tag wird es schrecklicher. Was soll nur werden? Ich bin ganz
unglücklich: Der Kaiser hat nun abgedankt und ist in Holland. Unser
Kaiser Wilhelm, unser Friedenskaiser, dem wir so viel, so sehr, sehr
viel verdanken! Es ist für mich das Schlimmste von der ganzen Bolschewisten-Bewegung.
Dieser große Undank! Wie schrecklich innerlich zerrissen und gebeugt
wird unser Kaiser sein. Was wird nun aus ihm werden? Deutschland Republik!
Ich kann es mir noch gar nicht vorstellen. Sozialdemokrat Ebert ist
Reichskanzler. Die ganze Regierung ist jetzt eben sozialdemokratisch-bolschewistisch.
In Berlin haben Straßenkämpfe stattgefunden.46
Heute bringen die Zeitungen einen Auszug aus den Waffenstillstandsbedingungen.
Ist es nicht entsetzlich? Natürlich müssen wir darauf eingehen, wir
können ja nicht weiter...47
Wolf telefonierte eben aus Dresden, das Extrablatt sei heraus: "In
Frankreich auch Revolution, Poincaré vertrieben, alles wie bei
uns."... O, wenn es doch so wäre! Es wäre der einzige Ausweg noch! Denn
wenn wir die Bedingungen annehmen müssen, so ist uns alle Lebensmittelzufuhr
abgeschnitten und Millionen Deutsche müssen verhungern!48
Mein Vetter Wolf Zenker ist durch eigene Soldaten gefallen, weil er
auf seinem Schiff "König" seine Flagge verteidigt hat. Die Menschen
sind doch halbe Tiere und so undankbar und ehrlos....
12 November 1918
Viel Neues bringt die Zeitung heute nicht...49
Das nun ist der Schluß vom jahrelangen Blutvergießen, von unserem glorreichen
Feldzug! Ach, es ist alles zu traurig. Wie häßlich und kalt klingt das:
"Der Ex-Kaiser flieht nach Holland!" Unser armer, armer Kaiser!...
Den Offizieren werden Kokarden und Waffen abgenommen, den Mannschaften
die Achselstücke abgerissen. Nichts, was an den Kaiser oder König mahnt,
darf bestehen bleiben. Alle Orden werden weggenommen und haben keine
Gültigkeit mehr. - Viele Offiziere haben sich ja all dies selbst zuzuschreiben.
Wie haben sie die armen Soldaten behandelt, und was für ein Schlemmerleben
haben sie geführt! Aber die Unschuldigen? Viele nehmen sich selbst das
Leben. Die armen, armen Menschenkinder!...
16. November 1918
Schon beginnen die Meinungsverschiedenheiten. Bis jetzt ist immer die
Ruhe gewahrt worden. Aber nun? Die jetzigen Minister sind Tischler;
Arbeiter etc. Sie haben nur Volksschulbildung und sollen jetzt über
alles bestimmen. Und alle hochgebildeten Menschen von Kirche, Schule
usw. müssen sich von ihnen belehren lassen. Was wird das werden? Vater
ist ganz unglücklich. Er sagt, das bedeute den Verfall. Man fürchtet
nun überall die blutige Revolution.
Die Kirche wird von der Schule getrennt. Pastoren werden wohl von ihrer
Gemeinde abhängig sein und nicht gerade üppig und in Freuden leben können.
Wenn ich ein Mann wäre, ich glaub, jetzt wollt ich Pastor werden. Aber
anders wie jetzt die Pastoren. Ich wollte so leben wie die einfachen
Leute im Dorf und nur da sein, um ihnen zu helfen, wenn sie mich brauchen.
... Ach ja, das sind so Träume! Dabei sitze ich hier und kann nichts
und nichts tun, nirgends helfen (als natürlich in der Küche!!!). Und
fühle eine Kraft in mir!...
18. November 1918
Immerzu stehen jetzt Aufrufe der Unabhängigen Sozialdemokraten in der
Zeitung, daß der Bolschewismus das Einzige sei, was noch helfen könne.
Vernichtung der Bürgerlichen etc. Schrecklich wär's, wenn der Bürgerkrieg
ausbräche und die Revolution blutig würde.50
In alle Städte kehren schon Truppen zurück. Wie anders hatten wir uns
das gedacht! - Die deutschen Katholiken haben sich an den Papst gewandt
mit der inständigen Bitte, im Namen der Menschlichkeit, der Grundsätze
der Religion und der liebe für das Recht zum Leben unseres Volkes einzutreten.
Ob es was hilft? Ich kann kaum an etwas Gutes glauben. Und doch: ...Besonders
wir Frauen müssen das Schöne, was es noch gibt, sehen und wahren und
den Männern viel, viel Liebe schenken und sehr für sie sorgen; denn
sie leiden noch mehr wie wir. Es ist so entsetzlich schwer für sie ...
24. November 1918
Keine Milderung der Waffenstillstandsbedingungen! ... Deutschland soll
vernichtet werden. Und es geht nun auch immer mehr bergab. Die armen,
armen tapferen Soldaten werden wie Diebe aus Frankreich herausgetrieben.
Wer verwundet oder krank ist, wird gefangen genommen. Und die, die wirklich
in die Heimat zurückkehren, was finden sie vor? Zwist und Hader und
Mord und Elend! Kein jubelndes Begrüßen, kein Siegeseinzug Und warum,
warum? Sind wir nicht immer Sieger gewesen? Was wird werden?
Hier in Kipsdorf wird jeden Mittwoch in der Tellkoppe getanzt. Daß
es Menschen gibt, die jetzt Sinn für die Hupperei haben! Ich bin doch
auch jung und gewiß ganz und gar "freie Richtung". Aber das verstehe
ich nicht. Sogar heute, zum Totensonntag und am Bußtag wollen sie tanzen.
... Ich bin ganz schrecklich unglücklich. Manchmal ist mir alles so
gleich und so wertlos. Leben? Ja, was ist das Leben? ... Wenn ich doch
eine Freundin hier hätte, der ich viel, viel sagen und zu der ich oft
hinlaufen könnte! Ich sehne mich so danach. Ich bin oft so allein. ...
26. November 1918
Deutschland geht dem Hungertod entgegen. Die Amerikaner wollen uns
im April zum erstenmal Lebensmittel schicken. Solange, meinen sie, kann
sich Deutschland selbst versorgen. Dabei wissen wir, daß, wenn nicht
sehr bald etwas kommt, es schon zu spät ist. Viele, viele Menschen müssen
dann verhungern. Ich möcht ja nicht grad ausgerechnet den Hungertod
sterben. Ob ich es einmal muß?
Überall wird jetzt auf die Wahlen vorbereitet.51
Von 20 Jahren ab kann jeder wählen. Schade, ich bin erst 18. Ich
glaube, ich wählte einen Sozi. Denn alles andere, national-liberal,
freisinnig etc. (jetzt zusammen: Deutsche Demokratische Partei) kommt
doch nicht durch; denn die größten Familien hat doch das Proletariat,
und die sind alle Sozis. Deshalb müßten wir alle, alle einen Sozi wählen,
daß nur ja nicht die Unabhängigen siegen, denn dann haben wir den Bolschewismus
genauso wie in Rußland. Es wäre zu schrecklich. Nach dem allem, was
ich bis jetzt von den Ansichten und Grundsätzen der Sozis weiß, finde
ich, daß sie am meisten recht haben. Ein solch himmelschreiender Gegensatz
zwischen arm und reich muß, soweit es nur irgend geht, ausgeglichen
werden. Wenn wir ganz ehrlich und wahr sind: wir haben's doch so viel,
viel besser als all die Armen. Und warum? Sind wir bessere Menschen?
Nein. - Und dann: wie viel kluge und begabte Menschen gibt es in den
unteren Schichten! Und wenn solch ein Mensch nicht gerade einen Gönner
findet, der ihm ein Stipendium verschafft oder sonst irgendwie hilft,
dann gehen seine glänzenden Gaben ihm und der Menschheit verloren. Er
muß sein Leben lang mechanische Arbeit tun und immer den Wissensdrang
in sich und die Sehnsucht zu lernen und etwas zu leisten! Und das kommt
bloß, weil er arm ist. So etwas ist doch schrecklich! Nun soll es solch
armen Schluckern eben auch möglich gemacht werden, dasselbe zu lernen
und zu studieren wie ein Reicher. Das und vieles andere noch finde ich
gut....
Das alles kann ich nur dir sagen, mein gutes Tagebuch. Denn vielleicht
ist es ganz dumm; ich verstehe nicht viel von allem, weil ich mich früher
nie um Politik gekümmert habe. Den Eltern und allen anderen dürfte ich
nichts sagen. Denn "wir" gehören zur Deutschen Demokratischen Partei,
und da darf solc; dummes Gör wie ich nicht sozialdemokratisch sein oder
denken. Die Kirche vom Staat zu trennen, dafür bin ich ja eigentlich
auch nicht. Aber ich glaube, es sind doch hauptsächlich die Unabhängigen,
die das wollen.52
Dezember
1918
3. Dezember 1918
Die letzten Tage war ich in Dresden. Das ist jetzt für die heimkehrenden
Krieger wunderbar geschmückt. Überall Girlanden, Wimpel, Bänder, Fahnen,
Kränze, Willkommen-Schilder: ganz bunt sieht's aus. Es wimmelt von Militär.
Von Revolution merkt man nichts. Die Menschen murren und schimpfen wie
früher auch. ... Im Hauptbahnhof hängen große Schilder: Willkommen in
der freien Republik! Ja Freiheit! Das ganze linksrheinische Gebiet
ist von feindlichen Truppen besetzt. Mit der Saar-Kohle ist's aus für
uns. Ich glaube auch, in den besetzten Gebieten darf niemand wählen.
In Kiel und anderen Küstenstädten sind die Engländer eingezogen. Wir
sind völlig in Feindes Hand. Was sie verlangen, müssen wir tun. Wir
gehen dem Hungertod entgegen. Zwischen sämtlichen Regierungen ist Streit.
So sieht's in der freien Republik aus. - Zum 16. Februar soll
die Nationalversammlung einberufen werden. Alle Hoffnungen werden darauf
gesetzt....
9. Dezember 1918
Wenn ich dir nur endlich wieder mal was Gutes sagen könnte, mein armes,
liebes Tagebuch! Ja, aber es wird halt immer schlimmer. Gut ist nichts.
Und doch! Weißt du, was gut ist? Daß man trotz allen und allem immer
seine Welt für sich hat. Die kann einem niemand nehmen. ...Meine Welt
ist mein Stern. Dort ist alles gut und wahr und schön, dort lebe ich
mein eigenes Leben, wenn's auch um mich her immer wüster und schrecklicher
wird. ...
Aber nun Politik: Der Arbeiter- und Soldatenrat will nun wahrscheinlich
doch den Kaiser und den Kronprinzen ausliefern. Der Kaiser soll in England
wegen Zeppelin-Angriffen schon zweimal zum Tode verurteilt worden sein.
Wer wird wohl zum Tode verurteilt werden für die vielen Fliegerangriffe
auf deutsche Städte!!? ...
Wilson ist wahrscheinlich doch nicht der gemeine Kerl, als der er immer
hingestellt wird. Er ist noch der anständigste von allen und versucht
Deutschland zu helfen. Der schlimmste und rachsüchtigste ist Foch (=
französischer Marschall). Mir geht jetzt immer das Lied durch
den Kopf: Ma Normandie - und ich singe oft, ohne es zu wollen: j'aime
á revoir ma Normandie, c'est le pays, qui m'a donné le
jour -! Wie kommt das nur? Mutti ist entsetzt über meinen Unpatriotismus.
In Berlin haben ziemlich heftige Straßenkämpfe stattgefunden. Die Spartakusgruppe
hat natürlich angefangen. Die Bolschewisten wollen am liebsten alles
morden, plündern und zerstören. In Dresden ist es auf dem Postplatz
auch zu Schießereien gekommen...
Seit dem Waffenstillstand (d. i. ½ Monat) sollen in Deutschland
schon 50 000 Menschen an Hunger und Entkräftung gestorben sein. Ob ich
nächstes Jahr noch lebe? Ich glaube, verhungern geht langsam. Seit dem
Frühjahr habe ich erst 8 Pfund abgenommen. Ich möchte gern noch lange
leben bleiben....
12. Dezember 1918
Ja, Kriegs-Tagebuch bist du jetzt eigentlich nicht mehr, denn
der Krieg ist zu Ende. Aber Friede ist auch nicht, längst nicht! Deshalb
finde ich, daß du ruhig weiter Kriegstagebuch heißen sollst ... denn
was ich in dich hineinschreibe, hängt ja doch alles mit dem Krieg zusammen.
Ich schreibe jetzt zwar oft von mir und viel persönliche Sachen, aber
ich brauche es halt ... da mußt du schon einiges Persönliche erlauben.
Es steht ja doch jetzt alles im Zusammenhang mit der Politik. Man denkt
Tag und Nacht daran.... Die Tschechen sind nun auch schon in Moldau
und haben den Bahnhof besetzt. Wir haben den Grenzschutz durch Maschinengewehr-Mannschaften
verstärkt. Schrecklich, wenn es zum Kampf käme. Es ist gar nicht weit
von uns.53
Man weiß jetzt gar nicht, wem man recht geben soll, wer recht hat,
wer eigentlich regiert. Das ganze Reich ist in bunte Gruppen zerteilt,
und die bekämpfen sich alle. Liebknecht ist der Schrecklichste. Ihm
zur Seite steht Rosa Luxemburg. Sie sind unabhängige Sozis und nennen
Hindenburg, Ludendorff etc.: die Bluthunde. Niemand sagt etwas dagegen.
Warum kann man nur nichts, gar nichts tun? Wenn nicht bald Ruhe und
Ordnung im Lande wird, wollen die Feinde einmarschieren und Ruhe schaffen.
Ist es nicht eine Schmach und eine Schande? Alles bäumt sich in mir
auf, und das Blut steigt in den Kopf - aber? Was kann ich ohnmächtiges
Menschenkind tun?...
16. Dezember 1918
In den meisten Städten, besonders in Berlin, aber auch in Dresden sind
Krawalle. Überall sind Maschinengewehre aufgestellt. Gestern soll es
am Hauptbahnhof 12 Tote gegeben haben. Es sind bald dieselben Zustände
wie in Rußland....
In der Zeitung steht heute: Schnelle Lebensmittelhilfe sicher. Das
wäre ja gut. Da müßten wir also doch nicht verhungern. Hoffentlich ist's
wahr. Es steht jetzt so manches in der Zeitung! Papier ist geduldig!
Ich glaube, daß der Arbeiter- und Soldatenrat das Regieren schon recht
satt hat. Es sind ja fast alles gänzlich ungebildete Leute, die nun
nicht aus und ein wissen. Sie erlassen Bestimmungen über Bestimmungen,
sind sich aber der Folgen gar nicht bewußt. Jetzt soll in Volksschulen
kein Schulgeld mehr bezahlt werden. Da werden natürlich die Steuern
immer höher. Eine Verordnung finde ich sehr vernünftig: Von Januar 1919
ab sollen in den Unterklassen nur noch 2 Biblische Geschichtsstunden,
aber keine Katechismusstunden mehr erteilt werden. Wie wunderhübsch
kann eine Bibelstunde mit den Kleinen sein, aber wie schrecklich eine
Katechismusstunde. Die Kinder müssen Sprüche über Sprüche lernen, von
denen sie nicht einen Deut verstehen. Wie oft sieht man in ein paar
Kinderaugen ein Grausen oder eine schreckliche Langeweile ausgedrückt,
wenn man mit ihnen über den lieben Gott reden will. Lieber Gott - Sprüche,
Sprüche, Sprüche! ... Ich kann mir auch durchaus nicht denken, daß der
Herr Jesus es will daß die Kleinen alle seine Aussprüche lernen und
unverstanden nachplappern sollen. Meiner Ansicht nach müssen sie ihn
ganz anders kennenlernen. Aber ich glaube nicht, daß die Regierung es
deshalb so gemacht hat. Kirche und Schule sollen eben getrennt werden,
und so wird der Anfang gemacht. Wie wird das überhaupt werden? Trennung
von Kirche und Staat? Ich bin noch ein schrecklich unfertiges Menschenkind.
Denn ich kann gar nicht recht klar werden über so vieles jetzt. Ich
denke, denke, denke nur immer den ganzen Tag an so vieles, was jetzt
so schrecklich ist und wie alles sein könnte ...
Wolf ist immer noch nicht entlassen. ... Vater hat schon 2 Gesuche
gemacht. Ja, aber man sollte die Bummelei beim Militär nicht kennen:
warten, warten und noch zehnmal warten, und dann -wird nicht mal was.
Zu Weihnachten wird er wohl nicht hier sein können. Traurig! Ich schenke
den Eltern außer ein paar Handarbeiten etc. ein selbstgebackenes Weißbrot
von selbstgespartem Mehl. Ich habe in 8 Tagen erst 2 Pfund Brot gegessen.
Es geht ganz gut, wenn man eine Überraschung vorhat. Ein Stück Butter
und ein Büchschen gute Marmelade habe ich auch schon dazugehamstert.
Da können wir in den Feiertagen mal zum 1. Frühstück Frieden spielen!
Hoffentlich gerät mir das Brot. Mit Hefe! Eine kritische Sache!
27. Dezember 1918
Also: 's ist geglückt, sogar herrlich! Wir haben richtig "geschlampampt".
- Aber das ist ja nicht die Hauptsache. Das Weihnachten war herrlich.
Wolf hatte vom 22. bis heute Urlaub, und wir 4 haben so glücklich zusammen
gefeiert. Trotz allem, ja gerade deshalb. Wir waren in Schellerhau zur
Christvesper, und als wir zurückgingen, war's innen und außen richtig
Weihnacht. Schnee, Sternenhimmel, dunkle Baumsilhouetten. Ich habe über
allem den Stern leuchten sehen, der damals über Bethlehem stand.
Außen, in der Welt, sieht's schrecklich aus, immer schrecklicher. In
Berlin ist immer Schießerei. Sogar Kanonen wurden eingesetzt, und es
soll viel zerstört worden sein. Ist das nicht eine Schande! Deutsche,
Deutsche! Sie selbst zerstören ihre Hauptstadt! Jetzt sind bald die
Spartakusleute am Ruder: Liebknecht und Rosa Luxemburg! Was gibt es
nur für gräßliche Menschen!54
1919
Januar
1919
1. Januar 1919
Neues Jahr - neue Seite - neues Leben! Ein besseres!? Hoffentlich!
Voriges Jahr um dieselbe Zeit habe ich das Neujahrswetter aufgeschrieben
und danach die Zukunft gedeutet. Ich war nur viel zu optimistisch. ...Und
das Jahr 1919? Grau und trübe fängt's an. Undurchdringlich dicker Nebel.
Dann aber wird das Gute und Schöne wieder kommen. Es wird immer größer
werden, und es wird den Nebel des Bösen und Schlechten zerteilen. Das
Böse wird gegen das Gute kämpfen, und das Niedrige und Gemeine wird
ihm helfen. Aber das Gute wird doch siegen. Natürlich. ... Die Revolution
wird uns höher gebracht haben ... Das ist mein Glaube vom neuen Jahr.
13. Januar 1919
Am 19., also nächsten Sonntag, sollen nun die Wahlen zur Nationalversammlung
stattfinden. Es gibt 3 bürgerliche Parteien, eigentlich 4, aber die
4. ist ganz winzig.
1. Deutschnationale Volkspartei (DNVP); 2. Deutsche Volkspartei (DVP);
3. Deutsche demokratische Partei (DDP); 4. Allgemeine demokratische
Partei für Sachsen (ADP).
Die Eltern gehören zur ersten (DNVP). Ich glaube, sie entspricht dem
Zentrum. Die am weitesten links stehende Partei ist die demokratische
Partei. Sie besteht aber fast ausschließlich aus Juden. ... Ich glaube,
ich würde auch zur demokratischen Partei gehen. ...Aber ich weiß ja
gar nichts Genaues darüber. Wenn ich schon wahlfähig wäre, ginge ich
in alle Versammlungen, um mich zu orientieren. Denn das ist doch die
Hauptsache, daß man sich ganz klar ist, wen und warum man wählt. Eigentlich
finde ich das Frauenwahlrecht grundverkehrt. Die meisten werden so unweiblich
dabei. (Neben einem äußerst unvorteilhaften
Photo von Rosa Luxemburg:) Hier ist eine echte Vertreterin
des weiblichen Geschlechts, deren wir uns wirklich freuen können! Solch
eine Person hat jetzt in Deutschland zu bestimmen. Ich finde alle, alle
müßten sich jetzt mit den Mehrheitssozialisten zusammenschließen, nur
um die gräßlichen Spartakisten zu besiegen und ihre Anführer: Liebknecht
und Rosa zu vierteilen, rädern, hängen und sonst was alles. Denn was
richten die alles an. Solch eine Schmach und Schande!55
Ich will die Zeitungsberichte über die Berliner Zustände gleich hier
einkleben. Denn dies Gräßliche alles aufzuschreiben bringe ich einfach
nicht fertig. Man könnte fast verzweifeln. Die Feinde werden erst kommen
müssen und Ordnung schaffen. Auch in Dresden geht's ähnlich zu. Bis
gestern waren's über 20 Tote....
(Nach ausführlichen Berichten des Dresdner
Anzeigers über die Berliner Kämpfe vom 7. - 9. Januar, aus denen vor
allem zu entnehmen ist, das die Lage undurchschaubar, chaotisch war:)
Ihr lieben Enkel und Urenkel! Wenn Ihr das später mal lest (d. h. ich
weiß nicht, ob Ihr lesen werden könnt. Die Schulen sollen ja abgeschafft
werden!), aber falls Ihr doch lesen solltet, so werdet Ihr Euch sicher
wundern, daß die Menschen nach dem großen Völkerringen noch nicht genug
hatten und im eigenen Lande weiterkämpften. Und seht Ihr, so geht's
uns jetzt auch. Wir begreifen die Menschen nicht mehr. Sind sie nicht
wie die Tiere? Zerstören, was vielleicht ihr eigenen Väter aufgebaut
haben. Wenn es doch endlich besser würde! Wie wird's zu Eurer Zeit sein?
Na, da red' ich nun hier und weiß noch nicht mal, ob ich einen Mann
kriege und Kinder, geschweige denn Enkel und Urenkel. Na ja, wenn ich
mal als ehrsame alte Jungfer sterbe, dann hinterlasse ich mein Tagebuch
meinen Neffen und Nichten. Denn verloren gehen darf dies wertvolle Dokument
natürlich nicht! -
Heute endlich steht als Hauptbericht in der Zeitung: Niederlage
der Spartakisten! Gott sei Dank. Es konnte ja nicht anders sein!
Das Gute muß siegen!
Ich glaube, mein Tagebuch ist recht mangelhaft. Die wichtigsten Sachen
vergesse ich immer zu schreiben. Daß Posen in den Händen der Polen ist,
hab' ich, glaub' ich, auch noch nicht geschrieben. Das ist schrecklich
traurig. Was wird dem armen, stolzen Vaterland für Schmach angetan!
Außerdem ist's auch vom materiellen Standpunkt aus sehr schmerzlich:
1/4 von Deutschland wurde von Posen mit Nahrungsmitteln versorgt.56
Ich bin recht froh, daß ich nicht in Berlin lebe. Ich würde immerzu
denken, ich sei dazu berufen, den Liebknecht umzubringen. Jemand muß
sich doch opfern!
Denke dir, mein Tagebuch, neulich war ich auf meinem ersten Ball. Ja,
in jetzigen Zeiten auf einem Ball! Das Tanzen ist ja jetzt erlaubt.
Erst dachte ich: Nein, jetzt kann man unmöglich tanzen! Und dann ging's
doch. Herr Gott, man ist halt nur einmal jung. Nur einmal! Ich hab'
mich köstlich amüsiert! Das Ballessen war Pferdefleisch, Kartoffeln
und - Sauerkraut! Da rümpft Ihr nun die Näschen, meine lieben Enkelkinder!
Ich muß ganz offen gestehen: wir haben's auch getan. Aber so lebt man
jetzt halt. Es gibt nix anderes ohne Marken. Die Portion kostete 6 Mark.
(Es war nämlich in einem Hotel!) Mein Tischherr meinte, da das Fleisch
ziemlich fett war: "Der Gaul ist sicher an der Kolik gestorben." Ja,
das ist zeitgemäße Ballunterhaltung! Guten Appetit!
17. Januar 1919
Dr Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg .
Endlich! Nun wird wohl mehr Ruhe werden. Man wird doch jetzt ganz roh,
man frohlockt über den Tod von Menschen und freut sich wie ein Dieb.
Eigentlich sollten die beiden nicht getötet werden. Sie sind nur verhaftet
worden und sollten ins Untersuchungsgefängnis gebracht werden. Dann
wären sie wahrscheinlich nach echt deutscher michelhafter Gutmütigkeit
wieder laufen gelassen worden. Liebknecht hat, obgleich er verwarnt
worden ist, fliehen wollen und ist dabei erschossen worden. Die Rosa
ist von der Menge erkannt worden, als sie im Auto fortgebracht wurde.
Sie ist herausgerissen, fürchterlich mißhandelt und dann bewußtlos fortgeschleppt
worden. Bis jetzt ist ihre Leiche noch nicht aufgefunden worden. Man
vermutet, daß sie in den Kanal geworfen worden ist. Ist ihr schon recht!
Was hat die Person alles angerichtet! Sie war Polin und hat einen deutschen
Mann geheiratet, nur um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen
und in Deutschland den Bolschewismus zu verbreiten. Liebknecht war natürlich
auch von Rußland gekauft.57
In Berlin muß es ja schrecklich zugegangen sein! Auf dem Brandenburger
Tor und auf allen Dächern waren Mannschaften mit Maschinengewehren aufgestellt.
Unter den Linden und auf allen großen Straßen wurde gekämpft. Schrecklich
viel Wertvolles ist zerstört worden. Die gräßlichen Spartakisten!
Auf die Wahlen übermorgen sind alle gespannt. Man erwartet überall
Sturm und Angriffe der Kommunisten, Spartakisten und Unabhängigen Sozialdemokraten,
die keine Nationalversammlung zustandekommen lassen wollen. Jede Partei
treibt mächtig Reklame, eine will die andere überbieten. Alle Zeitungen,
Laternenpfähle, Zaunpfosten und Bäume strotzen von Aufrufen aller Parteien.
Gestern kam hier ein Auto an, daraus stiegen ein paar Männer mit Zetteln,
Plakaten und großen Leimtöpfen und beklebten jedes Fleckchen, das noch
nicht beklebt war. Dann rasten sie weiter. Ich hörte: nach Schellerhau,
Altenberg usw. Wir dachten: gewiß Sozis. Aber siehe da: Deutschnationale
Volkspartei! So überbietet eine Partei die andere an Reklameerfindungen.
Welche wird siegen?
Die Polen sind schon bis zur Oder vorgedrungen. Wie schnell werden
sie in Berlin sein! Das undankbare Polenpack, das uns alles verdankt.58
Bis zum Rhein ist das Gebiet von farbigen und nichtfarbigen Franzosen
und Engländern besetzt, von Süden her werden bald die Tschechen einrücken.
Armes, armes Deutschland, was bleibt dir noch?
Mir kommt all das vor wie ein schlimmer, drückender Traum! Es kann
doch nicht sein! Waren wir nicht immer die Sieger?
Nun hab' ich, glaub' ich, noch nicht einmal geschrieben, daß Wolf nun
wirklich entlassen ist. Ich glaube mit so bißchen Schwindel, als stud.med.
Anders kommt man nicht los. 1 Pfund Mehl und Zigaretten und Äpfel hat's
gekostet. Aber nun ist er doch hier bis zum neuen Semester, April 1919.
Er soll sich erst mal kräftigen, und das tut er auch nach Noten! Er
ißt!! (schon beinahe mit fr!) Hoffentlich wird er bissel dick!
Unser erster Kutscher, Hermann Mill, ist wieder da. er hat mit seiner
Familie das Kutscherhaus bezogen, und alles sieht aus wie ein Schmuckkästchen.
Vater hat auch wieder ein Pferd gekauft, Moritz mit Namen. Es ist ein
lebhafter Brauner. Ich glaube 750 Mark hat Vater bezahlt....
20. Januar 1919
Nun ist der große Wahltag vorbei! Hier ist natürlich alles mächtig
gemütlich zugegangen. Von Putsch keine Rede! Wir in Bärenfels haben
das beste Wahlergebnis in der hiesigen Gegend, und zwar folgendermaßen:
DNVP: 63; DVP: 24; ADP: 16; SPD: 25; USPD: -. ... In Bärenfels ist auch
mächtig viel für die DNVP agitiert worden. Wer bis abends 6 Uhr noch
nicht gewählt hatte, wurde "geschleppt". 3 oder 4 Personen hat Mutti
selbst "geschleppt". - In unserem ganzen Wahlbezirk (er reicht wohl
bis Dresden und darüber hinaus) soll allerdings Gradnauer (SPD) glänzend
gesiegt haben. Ich bin gespannt, wie das Ergebnis in ganz Deutschland
sein wird!59
Februar
1919
1. Februar 1919
Was gibt's Neues? ... Die braunschweigische "Kultusministerin" nimmt
jetzt deutschen Unterricht: "die" und "das" verwechselt man doch zu
leicht, meint sie! Die Frau eines anderen Ministers, die in einem Theater
Logenschließerin ist, will ihren Beruf lieber beibehalten mit der Begründung:
man könne doch nicht wissen, wie lange ihr Mann Minister bliebe! Ja,
das sind Zustände!
Hier wird jetzt fürchterlich gehamstert. In Orten, die nahe an der
böhmischen Grenze hegen, wird gepaschte Ware aller Art verkauft: Fleisch,
Zucker, Kaffee etc. ... Ein gefährlicher Handel ist das!...
19. Februar 1919
In Weimar ist die Nationalversammlung in vollstem Gange. Was eigentlich
verhandelt, was abgelehnt und was angenommen wird, wer in der Überzahl
und wer unterdrückt ist: daraus werde ich überhaupt nicht klug.... Es
ist ein heilloses Durcheinander überall.60
Die Feinde stellen neue, unverschämte Forderungen. Nicht einmal gegen
die Polen dürfen wir kämpfen! Wir sollen zusehen, wie sie immer weiter
ins Land kommen und eine Stadt nach der anderen besetzen und uns eine
Lebensmittelquelle nach der andern verschließen. Alles, alles müssen
wir uns gefallen lassen. Wir sind ja ein entwaffnetes, wehrloses Volk.
Was sollen wir tun? Wenn nur nicht in allen Städten immerzu Putsche
wären! Ich meine, wir Deutschen hätten jetzt Grund genug, uns eng zusammenzuschließen,
ungeachtet der Parteien, und aufzustehen, uns aufzulehnen gegen diese
Schmach! Aber die Menschen sind ja so verrannt in Egoismus und Materialismus!
Geld, Geld und immer nur wieder Geld und möglichst wenig Arbeit. Danach
geht all ihr Trachten. Gräßlich ist's. Die Sozialdemokratie hat für
mich fast alles Ideale verloren.
März
1919
4. März 1919
Streik, Streik, überall Streik! Berlin im Belagerungszustand, in Leipzig,
Halle, München usw. sind Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Spartakusleuten.
In Dresden war auch Streik angekündigt. Es haben sich aber zur Protestversammlung
nur 300 Arbeiter eingefunden. Sie zogen zum Arsenal und zu verschiedenen
Fabriken und forderten die Arbeiter zum Streik auf, fanden aber kein
Gehör, und der Zug löste sich in Wohlgefallen auf. Dresden ist eben
eine vornehme Stadt, es wird immer alles längst nicht so schlimm wie
in anderen Städten. In Halle sind augenblicklich die Regierungstruppen
die Sieger. Aber wie lange? Die Spartakisten haben aus Wut und Rache
alle Gleise aufgerissen. Natürlich ist der Eisenbahnverkehr bis auf
weiteres aufgehoben. Ich bleibe natürlich daheim. - -
Die russischen Bolschewisten haben ein starkes Heer gesammelt und wollen
Deutschland überfluten. Die Tschechengefahr droht auch. In Bremen werden
Offiziere schrecklich mißhandelt. In manchen Städten wird wie wahnsinnig
geplündert. - Unter all dies aber will ich schreiben: Irrtum vorbehalten.
Man kann es jetzt überhaupt unter alles schreiben. Was heute amtlich
gemeldet wird, wird morgen widerrufen.
Was soll nur werden?? Mein altes Tagebuch, ich könnt' nur immer weinen,
wenn ich dich durchblättere. In deinen ersten Bänden, dieser Siegesjubel,
diese Begeisterung! Und jetzt? ... Man muß jetzt wirklich an allem Guten
und Schönen zweifeln. Die Menschen sind wie Tiere. Ich glaube, sie sind
sehr, sehr krank. Ach, wenn doch einer den armen Menschen helfen könnte!
23. März 1919
Wie merkwürdig ist das jetzt: auf den ersten Blättern steht immer (ich
meine in der Zeitung): ernste Lage, drohende Hungersnot, bolschewistische
Zerstörungen, Streik, Straßenkämpfe - und im Anzeigenteil wohl 50mal:
heute feiner Ball, heute Damenkränzchen, oder Dresdens feine Welt tanzt
in Pieschen etc. Wie kommt das nur? es ist richtig unheimlich. Die optimistischsten
Menschen sind jetzt große Pessimisten. Nur wir Jungen, ja, wir können
das Hoffen auf eine gute Zeit nicht lassen. Wir können uns nicht denken,
daß die Bolschewisten kommen werden und uns alle umbringen, und daß
unser Leben dann so schrecklich und schnell zu Ende sein soll. Wie gut,
daß man nicht in die Zukunft sehen kann.
Am 25. soll der Generalstreik wieder losgehen. Was wird da immer alles
zerstört und vernichtet! Warum wüsten die Menschen so in die schöne
Gotteswelt hinein? Soll jetzt eine neue Zeit angehen? Das intemationale
Zeitalter? Der Sozialismus, das Antichristentum?
Die ersten deutschen Schiffe sind nun nach Amerika abgedampft, um Lebensmittel
zu holen. Ach, ob dann die Versorgung besser wird? Ich glaube, es ist
auch ein Schiff dabei, die Freya, auf dem ich einmal durch das Stettiner
Haff, von Kamin - Wollin nach Stettin gefahren bin. Ach, wie lange ist
das schon her? 12 Jahre! Ob so etwas jemals wiederkommt?
Dresden ist außer Rand und Band. Minister Neuring ist neulich scheußlich
mißhandelt und dann in die Elbe gestürzt worden. Als er sich durch Schwimmen
retten wollte, hat man ihn erschossen. Man kann sich gar nicht denken,
daß Menschen, richtige weiße, zweibeinige, deutsche Menschen so etwas
tun können....
April
1919
27. April 1919
Da hab' ich eben mal meine 5 fertigen Kriegstagebücher durchgeblättert
und einiges gelesen: O, diese Siegesstimmung! Man war doch schrecklich
entrüstet und wies es streng zurück, wenn jemand von der Möglichkeit
sprach, daß wir nicht siegen könnten. Und nun? Man fragt sich immer
und immer wieder: warum mußte es so kommen?61
Aber über eines, was ich im vorigen Band geschrieben habe, muß ich
dir heut noch was sagen: Ich schrieb da: "Wilson, der gemeinste Kerl,
den es gibt..." o. ä. Das war falsch, ganz falsch. Wilson ist der
anständigste, ohne ihn hätten wir's noch viel schlimmer, er ist allgemein
geachtet als feiner, kluger Mensch. Vieles, was man über ihn hörte,
war eben nur Klatsch. Man soll den Zeitungen nicht zuviel glauben. ...Wie
wird jetzt für den Grenzschutz geworben! Wo ist unser starkes, festes
Heer hin? ...
Was jetzt... für Löhne gefordert werden! Wo soll's nur herkommen? Ich
bin ja zwar ganz dumm in politischen Dingen, aber ich kann mir nicht
helfen, immer, immer muß ich denken: es gibt doch noch so viele strotzend
Reiche, die nicht wissen, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Warum gibt
es da so sehr, sehr Arme? Kann da nichts ausgeglichen werden? Das begreif'
ich nicht!
Mai
1919
11. Mai 1919
Ja, nun sind uns die Friedenbedingungen überreicht worden. Und schrecklich
sind sie, ganz furchtbar. ... Wenn wir die Bedingungen annehmen - so
ist's aus mit einem freien Deutschland. Nehmen wir sie nicht an, ja,
was wollen wir tun? Die Feinde marschieren bei uns ein. Ob wir uns nicht
noch mal zum Kampfe aufraffen könnten? Wenn wir doch einig wären! ...
Das Schlimmste ist, man wird allmählich so gleichgültig und stumpf.
Alles, alles ist einem egal. Man erlebt zuviel Schreckliches jetzt.62
Juni
1919
27. Juni 1919
Ich dachte immer, wenn ich lange mit dem Schreiben aussetzte, könnte
ich dann mal wieder was erfreuliches schreiben. Aber im Gegenteil: immer,
immer schlimmer wird es. Wir werden nun die Friedensbedingungen unterschreiben.
Trotzdem werden wir wohl nicht alles erfüllen, weil wir's in unserer
Schwäche einfach nicht können. Die Folge wird sein, daß die Feinde einmarschieren.
Gräßlich ist's! Wo ist unser Deutschen-Stolz? Viele wollen jetzt nach
Schweden und nach der Schweiz auswandern, damit sie nicht weiter in
diesem erbärmlichen Deutschland in Elend und Angst leben müssen. Das
begreife ich aber nicht. Mein Herz bliebe doch in Deutschland hängen.
Das arme, arme Land! Und früher: ein Bismarck, ein Goethe, ein Schiller
usw.!
Manche Menschen sagen, unsere Generation oder doch die nächste wird
sicher wieder einen Aufschwung erleben, denn ein solches Deutschland
kann nicht auf immer zu Grunde gehen. Ach, wenn ich doch den Aufschwung
noch miterlebte! Mit 1000 Freuden zöge ich selbst mit in den Krieg!
Ich glaube aber bestimmt, daß die meisten Menschen jetzt zu pessimistisch
sind.
Juli
1919
1. Juli 1919
...Die meisten Menschen, sagen jetzt: Deutschland ist im Begriff,
den Sargdeckel über sich zuzuklappen. Ich sage: nein und zehnmal nein!
Das arme Deutschland ist krank, sehr, sehr krank, aber es kann gesund
werden, und jeder muß ihm dazu helfen. Besonders wir jungen. In uns
ruht Deutschlands Zukunft. O, was will ich arbeiten, schaffen: Deutschland
muß gesund werden!
1921
Januar
1921
7. Januar 1921
Jetzt nach 1½ Jahren kommt mir mein Tagebuch wieder
in die Hände, und es ist nicht in Ordnung, daß es so gar keinen Abschluß
hat. Den will ich nun schreiben. Denn weiterführen will ich's nicht,
nein! 1. weil ich zuwenig (soll ich sagen leider' oder 'Gott sei Dank'?)
politisch gebildet bin und alles heil und deil verbiestern würde und
keine richtige Ordnung reinbringen würde und meine Enkel und Urenkel
mit meiner Unlogik nur verwirren würde. 2. weil es wirklich keine Freude
ist, die jetzigen Zustände täglich aufzuschreiben. Also will ich heute
nur alles Wesentliche in eine kurze Übersicht zusammenfassen und dir
dann ade sagen...
Das ganze Jahr 1920 hat sich nicht um dich gekümmert.
- Rein äußerlich ist's wie vor dem Krieg. In den Läden ist alles zu
haben, die Schaufenster prangen. Die Menschen sind überelegant. Konzerte,
Theater, Tanz sind in vollem Gange usw. Das ist äußerlich. Aber dahinter.
1. die Preise! Man muß immer mindestens das Zehnfache vom Friedenspreis
rechnen. 2. die 'eleganten' Menschen! Es sind Hochgekommene, Schieber,
Abgelebte und gemeine Schattengestalten. Auf der anderen Seite haarsträubendes
Elend.63
Schlechtigkeit, Niedrigkeit, Materialismus, Roheit, Gemeinheit,
Diebstahl, Mord: das ist jetzt zu Haus unter den Menschen. Vor nichts
wird zurückgescheut. Kirche, Gott, Religion ist Unsinn. So sieht's im
Volk aus. Dazu Teuerung und Krankheit und Streik. Wer hätte gedacht,
daß unser stolzer, siegreicher Feldzug so enden würde? Durch die Versailler
Friedensbedingungen, die wir ja unterschrieben haben, sind wir vollkommen
in Feindeshänden. Alles, alles können sie von uns verlangen. Sie sind
im Recht, wir unterschrieben ja! - Das Kaiserpaar lebt weiter in Holland.
Der Kaiserin geht es sehr schlecht. Wenn sie doch bald erlöst würde!
Bethmann-Hollweg (der Kanzler der ersten Kriegsjahre)
ist vorige Woche gestorben. - Reichspräsident ist jetzt Ebert. Er wird
S.M. Ebert genannt. (Er war früher Sattlermeister.) Von ihm und seiner
Frau sind die unglaublichsten Anekdoten im Schwang. Es soll aber nichts
Wahres dran sein. Davon schreibe ich noch nachher. - Die Deutsch-Amerikaner
helfen Deutschland, wo sie können mit Geld und Lebensmitteln. Besonders
nötig haben die deutschen Kinder alle Hilfe. Auch Schweden, die Schweiz
und Holland nehmen sich ihrer an. ... Wir haben jetzt den Reichsminister
des Äußeren Dr Simons mit Frau und Privatsekretärin bei uns im Haus.64
Es ist eine herrlich interessante Zeit. Er (Simons)
ist der größte, bedeutendste, feinste Mensch, den ich kenne. Wenn wir
nur mehr solche Menschen an der Spitze hätten! Er erzählte, daß der
Präsident ein kluger Kopf und ein tüchtiger Mensch sei, und seine Frau
schlicht, tüchtig, angenehm. Da sieht man, wie geklatscht wird!
So, nun sind die letzten Seiten meines Tagebuchs voll
von Traurigkeiten. Aber trotz alledem: so dunkel die Nacht ist, es gibt
Sterne. Und es werden mehr und mehr, und wenn sie erlöschen, kommt die
Sonne mit ihrem hellen Glanz und ihrer wohligen Wärme. Wir wollen unser
Deutschland lieb behalten und ihm gesund-werden helfen.