Auf welche Art wir im Jahre 1837 von den lieben Wittgensdorfern empfangen wurden

Brief von Friedrich August Ludwig Ackermann an seinen Freund, den Organisten Becker zu St. Nicolai in Leipzig

 

Durch Einschluss

Sr.. Wohlgeboren

dem H. Organisten zu St. Nicolai
C. F. Becker
in Leipzig

Wittgensdorf, d. 25 Nov. 1837

Geehrter Freund!

Ihnen, der Sie mit Ihrer von uns wertgeschätzten Gattin so viele Beweise wahrer Freundschaft uns gaben und herzlichen Anteil an unsrem Geschicke stets nahmen, Ihnen sei das erste Briefchen von meiner Hand gewidmet, während meine Frau dem Papa nähere Kunde von unserem zeitherigen Befinden und dem, was wir erfahren haben, ertheilt hat.

Gesund und wohlbehalten sind wir angekommen, ungestört ist unser körperliches Wohlsein bis jetzt geblieben, [deß] freuen wir uns und Sie sich gewiß mit uns. Nach dieser vorläufigen Notiz will ich Ihnen berichten, wie unsere Reise von statten ging und auf welche Art wir von den lieben Wittgensdorfern empfangen wurden.

Am ersten Tage gelangten wir nicht, wie wir wünschten, nach Penig, da wir gegen 10 Uhr erst von Leipzig abgefahren waren und überdies der schlechte Weg das Fortkommen erschwerte. Wir übernachteten, um mit dem Kinde nicht in die Nacht fahren zu müssen, 2 Stunden vor Penig; das Nachtquartier war leidlich und Oskar befand sich im Wirtshause, wie unterwegs bene und machte uns keine Beschwerden.

Am Sonntag fuhren wir gegen 8 Uhr aus und kamen gegen 10 Uhr in Penig an. Hier empfing uns schon eine Deputation der Wittgensdorfer zu Ross und zu Wagen. Von dieser begleitet verließen wir Penig; unterwegs sammelte und mehrte sich unsere Ehrenbegleitung, so dass wir nach Verlauf einer Stunde gegen 20 Vorreiter hatten und 8 bis 10 Kutschen und Wagen uns nachrollten. In Hartmannsdorf war eine Sch... aufgestellt; es wurde Halt gemacht und aus Vieler Munde erscholl auf offener Straße mir zu Ehren ein dreimaliges; Vivat!

Sie können denken, daß die Menschen aus den Dörfern sich sammelten und diesen festlichen Zug in Augenschein nahmen, ja, daß die Bauerjungen in Haufen neben unserem Wagen hertrollten und sich an uns nicht satt sehen konnten. In Röhrdorf war am Gasthause die Wittgensdorfer Schützengilde, deren Adjutant uns schon vorher begrüßt hatte, in Parade aufgestellt; die Fahnen wehten, die Musik erscholl, als wir nahten, und präsentiert das Gewehr! ertönte das Commando des Majors.

Von jetzt an häufte sich die Menschenmasse; Reiter und Wagen verdoppelten sich und nun glich unser Zug dem Einzug eines kleinen Fürsten in seine Residenz. Voran gingen die Schützen, ihnen folgten die Ritter, wohl 30-40 an der Zahl; dann unser Wagen, begleitet zunächst von dem Wagen meiner Aeltern und dem meines greisen Seniors; diesen schloßen sich die übrigen an.

So nahten wir dem Rittergute. Vor demselben hatte H. Kirchner die Schuljugend aufgestellt, die uns freundlich begrüßte. In dem Hofraum angekommen, bildeten vor unserer Wohnung die Schützen ein Spalier; die Jugend und die Deputierten des Dorfes, so wie der Patron und der Pastor standen in der Mitte.

Kaum waren wir ausgestiegen, so empfing uns H. Kirchner und richtete im Namen der Gemeinde herzliche Worte an mich, an meine Frau, und nicht minder an den Oskar. Als Beweise wahrer Liebe empfing ich sodann aus den Händen eines Mädchens eine prachtvolle Bibel, meine Frau ein schönes Gesangbuch und Oskar eine silberne Medaille; sämmtliche Geschenke lagen auf seidenen Kissen und waren mit Kränzen umgeben. Nachdem ich Worte des Dankes ausgesprochen hatte, ertönte aus den Kehlen der großen Volksmasse ein Lebehoch! und unter Musik traten wir in unser Wohnhaus ein. Ein Choral, von der Menge angestimmt, beschloss die erhebende und rührende Feier.

H. Albanus hatte ein Mittagsmahl, das allerdings erst gegen 5 Uhr eingenommen wurde, veranstaltet, bei welchem wir, umgeben von unsren Aeltern und Verwandten, ziemlich heiter waren. Nach 6 Uhr zogen wir uns in unsere Zimmer zurück, die wir schon ziemlich eingerichtet fanden.

Daß wir nun in den darauf folgenden Tagen uns genug mit dem Auspacken und Aufstellen unserer Sachen zu thun hatten, werden Sie leicht ermessen; demohngeachtet dachten wir oft an Leipzig zurück und an alle die Lieben, welche wir verlassen haben. Wehmut und Schmerz bewegten zwar auch unsere Herzen, doch sie wurden gemindert durch die Liebe und Achtung, mit der uns sämmtliche Gemeindeglieder begegnen.

Vergangenen Dienstag war ein Kinderfest veranstaltet, mir und dem neuen Lehrer, der eben eingezogen war, zu Ehren. Ich war zugegen und empfing von Kindern und Erwachsenen neue Huldigungen.

Zu meinem Amte, das ich erst über 8 Tage antrete, habe ich noch nichts weiter gethan, als daß ich als Vorsitzender des Schulvorstandes eine kurze Session hielt und vorläufig Einiges mit demselben besprach.

In unserem Häuslichen sind wir nun ziemlich eingerichtet. Die Wohnung ist schön, ja prächtig; leider! sind nur die Oefen nicht im erwünschten Zustande; dazu das Holz feucht: darüber klagen meine Frau und die Mädchen; doch in einigen Tagen soll diesen Uebeln abgeholfen werden. Leider! sind beim Fahren unserer Meubles einige Stühle und ein Tisch um die Beine gekommen: der Arzt muß und wird ihnen wieder dazu verhelfen.

Hoffentlich erfreuen Sie sich mit Ihrer lieben Frau und Ihrem guten Vater einer ungetrübten Gesundheit, das hoffen wir wenigstens bald von Ihnen zu erfahren, ja, baldige Nachricht werden Sie uns zukommen lassen, denn darnach sehnen wir uns. Auf Antwort sollen Sie nicht lange warten dürfen. – Ihnen Allen empfehlen wir uns nebst H. Kirchnern herzlich, und Ihres fernen Wohlwollens halten wir uns versichert.

Ihr Freund M. L. Ackermann

N.B. Den Brief, den Sie an uns etwa richten, lassen Sie b. meinem Vater: Joh. Aug. Ackermann (im Buntgässchen) in Chemnitz abgeben, er gelangt sicher an uns.

P.S. Der Brief wurde von meinem Bruder Erik Zenker aus der altdeutschen Schrift übertragen. - Das "L" bedeutet bestimmt Ludwig, aber wir haben etwas über das "M" gerätselt. Könnte es ein "F" wie Friedrich sein? Aber in der Geburtsurkunde seines Sohnes Oscar steht "M. Friedrich August Ludwig Ackermann". /SZ

 

  Last edited or checked December 29, 2004.

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