Brev från Marianne Schweitzer den 14 maj 1987

Dresden 14. 5. 87

Meine liebe Märta und lieber Gerd!

Ich schäme mich schrecklich Märta, dass ich Deinen so lieben und ausführlichen Brief und den so guten, hier allüberall ersehnten Kaffee nicht bedankt habe. Der lange so harte Winter hatte, und hat noch, im gesamten Knochengerüst recht böse Schmerzen hinterlassen, dass sogar die von Gicht gequälten Hände das Schreiben zu einer schweren Arbeit machten.

Vor 10 Tagen hatten wir ein sehr warmes Frühlingswetter bis zu 27°, so dass leider alles auf einmal blühte: Forsythien, Kirschen, Äpfel und Birnen und Kastanien. Man konnte sich nicht satt sehen, und dazu das junge Baumgrün. Immer wollte man oder besser ich, mir sagen: wart ein bissel, wart ein bissel zum Frühling. Nun haben wir seit 4 Tagen wieder so sehr kühle Temperaturen, nachts 2°, tags bis 11°. Das lästige Heizen mit Kohlen holen, Asche hinunter schaffen geht also weiter. Ich habe zwar eine Hilfe von der VS (Volkssolidarität), die das jetzt macht, aber auch nicht begeistert davon ist. - Auch Hertha klagt sehr über Hüft- und Rückenschmerzen die so sind, dass sie sich beim Arzt anmeldete, Orthopäden. Sie bildet sich ein, gleich eine Hüftoperation verschrieben zu bekommen. Ich halte das für ausgeschlossen, da muss es erst schlimmer werden, denn gerade die Krankenhäuser, die es dafür gibt, sind überfüllt.

Schade, dass die neue Kälte alle angefangene Besserung wieder auflöst. Ich bin nun auch zu recht altes Weiblein geworden, verschrumpelt und klein und so mager, dass mir keines von meinen alten Sommerkleidern mehr passt, ich werde wohl eine FKK-Mode auch für den täglichen Gebrauch einführen müssen, ich glaube das würde nicht einmal mehr auffallen. Ich traf eine junge Frau, die auf der Strasse mit oben "ohne" ging.

Die Augen, die im Winter noch matter wurden, freuen sich aber, dass es das Schöllkraut wieder gibt (Chelidonium). Es wächst als Unkraut allüberall, auch im Garten unten. Es hat den gelb-roten Saft und diesen streiche ich auf das Augenlider und ein winziges, verdünntes Teilchen in die Lidecke, das beisst sehr, aber der Graue Star wird aufgehalten. Für meine halb tauben Ohren hat Klaus Heckemann mich an der Akademie beim Ohrenarzt angemeldet. Ohne ihn wäre ich nicht angenommen worden. Wir haben in jeder "Brauche so wenig Ärzte", dass es erschreckend ist. Es laufen wieder hunderte Anträge zur Übersiedlung in die BRD, als ob sie dort auf sie warteten. Ich finde es auch unanständig solch einen Antrag zu stellen wenn man hier mit Stipendium des Staates erst studiert hat. Wir in Zschachwitz hatten 4 Ärzte, alle 4 starben in den letzten 2 Jahren, und der Arzt in unserer kleinen Poliklinik soll nun all die Patienten mit übernehmen, das ist unmöglich. Da unser Kleinzschachwitz 69 % der Einwohner Rentner sind, also alt sind, immer öfter einen Arzt besuchen, ist das eine unmögliche Situation. Klaus Heckemann, nun 31 Jahre, darf mit Genehmigung des Kreisarztes ab 1.II.1988 die Praxis seines Vaters übernehmen.

Frau Horn und ich, wir 2 Uralten, hatten das Glück von dem Poliklinik-Arzt angenommen zu werden. Alle 2 Monate macht er uns einen Hausbesuch, und 1x können wir schriftlich einen Rezeptwunsch einreichen. Da er, wie Dr. Heckemann mir weiter auch der Meinung ist, dass es für das Herz besser ist ein Schmerzmittel 1x täglich zu nehmen, als die Schmerzen auszuhalten, kann ich wenigstens wieder bis zur Elbe spazieren gehen. Ich nehme keine Tabletten, die durch den Magen gehen, sondern Zöpfchen in den Darm, geht das recht gut. - Übrigens: Frau Horn die alte Generalswitwe, meine liebste Freundin, 95 Jahre, kann es Gerd nicht vergessen, dass er des Königs Bild erkannte u. "stramm" stand.

Recht betrüblich ist es, das die liebe Frau von Hausen Ende Juni/Juli auch die Papiere zur Ausreise nach drüben bekommt. Als Rentner ist das leicht. Sie zieht zu ihrer drüben verheirateten Tochter. Eine Sohnfamilie bekam die Ausreise vor 1 Jahr. Seine Frau hatte einen sehr reichen Vater, und sie ist die einzige Erbin, hätte aber das Erbe nicht herüber bekommen. Mir wird der Abschied mit Frau von Hausen sehr schwer. Sie sagte zu mir: vielleicht kann ich Ihre Geschwister in Schweden besuchen, die waren so nett. Aber jetzt in diesem Sommer muss sie erst gleich die Hüftoperation machen lassen. Hier hätte sie noch lange warten müssen, und sie kann kaum mehr fort.

Von Nessi aus Berchtesgaden kam die Nachricht, dass sie sich doch noch dazu entschlossen hat, sich einen Herzschrittmacher einbauen zu lassen, es hat ihr geholfen, aber ihre Schwäche und leider auch Depressionen verliert sie nicht.

Eben las ich Deinen Brief noch einmal. Für Stephans Ahnenforschung kann ich leider wenig beitragen. Gerd nahm ja die wenigen Notizen aus dem Ahnenpass mit. Aber ich werde einmal Renate Gebauer, Pulsnitz fragen (geb. Zenker von Onkel Walter Zenker Leipzig Elsterst). Sie hat eine lange Ahnenaufzeichnung der Zenkers. Ihr Vater war schon Vetter 2. Grades von unserem Vater.

Dass unser Grossvater als Geh. Oberzollrat im Bundesrat Bismarck, den er sehr verehrte, bekämpfen musste, weil Sachsen für Frei-Zoll u. Bismarck-Preussen für Schutzzoll war, weiss Gerd sicherlich. Unser Grossvater arbeitete wenn er zum Bundesrat nach Berlin fuhr zusammen mit Bismarck an einem Schreibtisch. Als er abends nach Dresden zurück fuhr, starb er im Zug an Herzschlag nach scharfer Auseinandersetzung. - Seine Frau, unsere Grossmutter, Tochter eines Professor in Kiel, holte eines nachts im Boot über die Eider fahrend die Fahne der damals Holstein besetzenden Dänen den Danebrok (?) [sic] vor dem Schloss herunter und kam heil, von Kugeln das Boot geschossen, 16-jährig, heim.

Auch der Urgrossvater war dem sächsischen Königshaus im Dienst verbunden. Na, und dass ich unserem König Friedrich August sehr nahe stand zeigt ja mein Titel: dem Hofprediger sein Mistfink (als Lehrling in der grossen Pilln. Gärtnerei, wo er oft hinkam). Er hatte bei einem Kaffee Vater erzählt ich habe jetzt weibliche Mistfinke in meiner Gärtnerei. Vater: ja Majestät eine ist meine Tochter. Und wenn er dann herauskam rief er: wo ist denn dem Hofprediger sein Mistfink, ich wurde geholt und bekam 3-4 Pralinen, 1916!! - aber das gehört ja nicht in die Annalen. - Als ich zum Schmücken im Schloss als Lehrling war, traf der König mich, und sagte Gehn'se mal rüber, da malt gerade Kokoschka (gab mir Unterricht). Komisches Zeug.

Nun kämpfe Dich durch den langen Brief durch. Schreib mal wieder. Seid Ihr noch viel in Salta? Grüsse Stefan u. Rolf's. Mit viel Liebe grüsst Euch

Eure Nanna

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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