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Brev från Renate Henschke f. Zenker den 27 december 1965
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Essen, den 27. 12. 65
Wie geht es Euch? Seid Ihr gesund? Habt Ihr viel zu tun? Macht Ihr was Schönes? Verreist Ihr mal? Was ist von den "Kindern" zu melden? Ist es ganz dunkel? Feiert Ihr Silvester? Wie denn? Wie findet Ihr die Welt? Muß Märta noch immer bestimmte Schallplatten für die Herren Söhne erwerben? Was ist denn dieses Jahr dran? Wir haben eine neue kleine von "Barbara" aus Paris, eine Chansonsängerin, die wir schon vor vielen Jahren im Ecluse am linken Seineufer sahen und hörten, eine fascinierende Frau, jetzt ist sie ganz groß in Paris und dringt sogar schon fast bis zu uns. Im Herbst waren wir in Paris und hörten sie wieder. Es war nicht in dem feinen Lokal, wo sie jetzt auftritt, sondern auf der Biennale junger Künstler. Sie spielt Klavier und singt dazu. Beinahe hätten wir auch noch eine Platte mit Wolfgang Neuß und Wolf Biermann, das ist was Interessantes. Beide sind Kabarettisten, literarisch-politisch, der eine in West- der andere in Ostberlin. Beide werden in beiden Stadthälften nicht gern gesehen. Sie sind scharf und sehr gut. Biermann hat z.B. "Soldatenlieder", in denen es heißt: Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich. Vom Neuß haben wir in Berlin mal einen ganzen Abend erlebt, Einmannkabarett, wir waren begeistert. Fahrt doch mal nach Berlin! Das lohnt sich überhaupt. Den Neuß werdet Ihr hoffentlich trotz Presseboykott finden, mit Biermann ist es schwierig, er wird wohl nicht auftreten dürfen bei sich im Osten. (Obwohl er Kommunist ist.) Wirklich, Ihr solltet mal nach Berlin fahren. Dort gibt es herrliches Theater, tolle Konzerte, Museen, das Wetter ist schön, die Stadt ist schön - man kann da herrlich Urlaub machen! Da gefällt es mir auch. Uli ist ja sowieso eine Großstadtpflanze. Im Wald, auf Bergen oder irgendwo in der Gegend langweilt er sich unerträglich, da geht er gar nicht erst hin. Höchstens noch gnädig and die See, aber in die Nähe einer Stadt. Ich bin da ziemlich gegenteilig. Ich lechze direkt nach Erholung ohne Aufregung, nach guter Luft, Spazierengehen, Schlaf. Aber wie soll ich das anstellen? Ich weiß es nicht. - Daniel macht ganz schön Arbeit. Auspacken, einpacken, füttern, unterhalten, ins Bett legen, Wäschewaschen, einpacken, auspacken. Jetzt in den Ferien langweilt er sich ganz schön, weil er sonst vormittags immer 3 Kinder um sich hat. Das ist lustiger! Er schlägt nach dem Uli; obwohl Suse mir - unverständlich! - mitteilte, als Kleines sei ich sehr lebhaft gewesen, so ähnlich wie Daniel. Suse wurschtelt sich in Darmstadt im Altersheim so durch. Daß sie sich nicht wieder selbständig machen will! Anscheinend kann man seine Energie verpulvern. Und sie war doch so energisch, nicht? - Zum Besuchen ist es doch sehr weit, und so sehen wir uns nur ganz selten. Und mit dem Kind ist es schon schwierig, hinzufahren, zumal wir ja dort gar nicht bleiben könnten. Auf einem Foto seht Ihr im Hintergrund das Modell unseres immer noch nicht gebauten Reihenhauses. Gerade jetzt ist Uli mal dorthin gefahren in den Essener Süden, um zu sehen, ob die Stadt nicht endlich mit dem Bau der Kanalisation angefangen [hat], nur ein paar hundert Meter sind da nötig, aber die Stadt hat dafür immer kein Geld. Dann erst kann es für uns losgehen. Wir wollten schon nach Afrika auswandern, das ist aber auch nichts geworden. Die Schule frißt uns auf. Die Kinder werden immer dümmer! Ich habe zwei Jahrgänge in einer Klasse, die Intelligenz ist abgewandert zur höheren Schule - es ist ein Graus. Soviel Faulheit und Dummheit auf einem Haufen, ein richtiger Abfallhaufen. Hätte ich bloß Geld zum Studieren gehabt, um dann an eine höhere Schule zu gehen - ich glaube, das wäre viel schöner. Heutzutage gibt es Stipendien, und auch damals haben es robuste Leute ohne Geld geschafft, aber ich nicht. Manchmal wünschte ich mir auch einen Beruf ohne Menschen, aber was? Die Kinder sind aber noch erträglicher als ihre Eltern. Wenn man mit denen zusammengerät, kriegt man "Freude"! Neulich beschwerte sich eine Mutter, die erst 3 Wochen hier wohnte, über mich beim Schulleiter, eine Stunde lang. Ich kämmte mir in der Stunde die Haare! Ich putzte mir dauernd die Nase! Ich wär überhaupt unmöglich, pfui! Das war so richtig eine Weinachtsüberraschung. Solches alles wünsche ich Euch nicht, sondern ein schönes neues Jahr! Es soll Euch gut gehen, und schreibt mal! Eure Renate |
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