Brev från Elisabeth Zenker till Gerd den 6 juli 1965

Dresden 6. 7. 65

Mein lieber Gerd!

Sähn'se, so bin 'ch, - mit diesem unverwelklichen Sächsisch muss ich meine Bummelei beschönigen, Dir meine - unsere herzlichsten Geburtstagswünsche wiedermal zu spät abzusenden. Wir werden aber beim Sonntagsfeiern recht oft an Dich denken u. mit bei Euch in Salta sein, Du weisst garnicht, wie Deine Schwestern Dich u. die Deinen so gern mal hier hätten u. Dich so verwöhnen möchten wie mich jetzt.

Freilich dieser Sommer scheint ja "der Sommer unsers Missvergnügens" zu bleiben, immer grau u. hundekalt, so dass ich mit meiner ewigen Strickerei meist im Zimmer sitze. Für die unermüdl. Gartenarbeiter Otto u. Nanna aber gesundheitlich sicher besser als eigentlich fahrplanmässige Hundstagshitze. Und der Garten fühlte sich wohl bei den vollständig verregneten Mai u. kalten, stürmischen Juni. Die Rosenhecken blühen so herrlich wie selten, wahre Felder von seltenen Schwertlilien, nun übermannshohen Rittersporn, Lupinen, Riesenglockenblumen u.s.w. Es ist eine Pracht, dazu richtiges Djungelgebüsch [sic] u. Grün - also eine Wohltat für mein abnehmendes Augenlicht.

Es ist wieder ein so fröhliches, behagliches Zusammensein mit Nanna in ihrer fröhlichen Mütterlichkeit mit der sie Mensch u. Getier - Hund, Kater, Hühner, Glucke mit 9 Küchlein, dazu so viel hereinspazierende Männlein u. Weiblein umschliesst, unermüdlich tätig von früh bis spät, so dass ich nur staune. - Sonntag hatte sie auch hier für Hertha eine reizend behagliche Geburtstagfeier, leider mussten wir im Zimmer zwar sitzen, waren aber höchst fidel mit Hertha, ihrer Erna u. deren Tochter Brigitte, mit Sibylle, die so unverändert liebevoll u. geistlebendig ist, mit "Tulli", der Hausfreundin hier und noch auftauchender Freundin u. Sohn v. Hertha. Dazu Erdbeerbowle am Abend!!

Dann hatten wir auch mal einen interessanten "Tatra"abend, an dem Gabis Nichte von der tschechigen u. eine Schweitzers befreundete Malerin von der polnischen Tatra (also beides wohl von Ungarn gemaust!) Diasbilder, wundervolle Farbaufnahmen zeigten. Aber wie von eh und je in meinem Leben: die östliche u. südöstl. Landschaft u. ihre Bewohner lässt mich vollständig kalt, ja die Berge blicken mich feindlich beinah an. Da sehne ich mich nach den bayrischen u. tyroler Alpen mit ihren Dörfern u. Matten, von der Schweiz ganz zu schweigen u. der Riviera v. Italien u. Frankreich. Es muss doch sein, dass ich da ein paar Tropfen Blut in mir rollen hatte. Mademoiselle est du Midi frug mich der Friseur in Nancy einst u. ein Kirchenpotentat frug meinen Vater: wo haben Sie diese italienische Tochter her? 1903 - 22 Jahre alt.

Ihr wollt natürlich von der hiesigen Welt mehr erzählt haben, was mich nun gar nicht weiter beschäftigt, obwohl ich soeben eine Einladung von der "Bezirkskommission für internat. Verbindungen" zu einem "Gedankenaustausch mit Dresdner Persönlichkeiten über Erhaltung des Friedens" im Klub der Intelligenz erhielt. Aber da muss ich streiken, denn meine 84 J. Intelligenz fühlt sich dem nicht gewachsen und das Weib schweige in der Gemeinde war ja schon im Striesener Frauenverein meine faule Ausrede, wenn ich auch verschiedene Wohltätigkeitskassen treulich verwaltet habe, dazu langte es.

Nun alles, alles Gute u. Wünschenswerte für Dein neues Jahr. Du warst immer mein früh beim Glockenläuten erschienener Sonntagsjunge, so möge der diesjährige Sonntag auch viel Glück in sich beschliessen. Herzenswarme Grüsse von Nanna, Otto und Deiner alten Mutti.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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