Brev från Hertha Zenker till Märta den 22 oktober 1956

Dresden, den 22. Oktober 1956

Liebe Märta!

Natürlich wird dieser Geburtstagsbrief nicht mehr zurecht kommen. Die Geburtstagsglückwünsche sind darum aber noch viel herzlicher. Ich wünsche Dir viel Liebes und Gutes, vor allem eine feste Gesundheit. Du darfst nicht denken, daß ich nur anläßlich Deines Geburtstages an Dich - an Euch alle - denke. Ich schreibe ja so gut wie fast nie, es sieht so aus als ob die Verbindung bald abrisse, bei der langen Trennung und dieser weiten Entfernung eigentlich kein Wunder, ich möchte aber den Kontakt mit Euch nicht verlieren. Es gibt ja nichts Schöneres auf der Welt wie das feste Band der Gemeinschaft. Wie gern käme ich zu einem kurzen, gemütlichen Kaffeestündchen, stundenlang hocken zu bleiben ist sowieso nicht meine Art, dazu habe ich keine Zeit, und zu Hause wartet ja immer jemand auf mich.

Nun, wie geht's Euch allen? Mutti schrieb, daß Ihr Euch ein Auto zugelegt habt. Damit rutscht Ihr schneller mal nach Domnarvet oder nach Salta, und sicher entfleucht Ihr gern aus dem Getriebe der Großstadt. Vielleicht ist es doch mal möglich, daß Ihr mich einmal mit dem Wagen vom Bahnhof abholt! Die Jungen wachsen zu Männern heran ehe ich sie mal wiedersehe. Und ich sehe sie, d. h. Stefan und Rolf, so klein so klein vor mir. Sprechen sie eigentlich gut deutsch? Lesen sie deutsche Bücher? Ist Stefan noch ein Schachfreund? Wie machen sie sich in der Schule? Was für Interessen haben sie überhaupt? Wenn vielleicht noch 2-3 Jährchen vergangen sind, wird es wohl möglich sein, daß sie mal auf einer Touristenfahrt hierher kommen können. Ihre eigentliche Heimat müssen sie doch unbedingt kennen lernen. Und Dresden ist nach wie vor schön, in meinen vorgerückten Jahren lerne ich es immer mehr kennen und lieben.

Was soll ich von mir schreiben? Von unseren allgemeinen Schwierigkeiten wißt Ihr nichts und könntet es auch nicht recht verstehen. Wir arbeiten jeder in seinem Beruf mit mal mehr Lust und mal weniger Freude. Da wir nun alle drei außer Haus berufstätig sind, Erna arbeitet jetzt in der Poliklinik im Röntgenarchiv, muß jeder etwas im Haushalt tun, wenn es die Zeit erlaubt. Und wenn wir mal alle Drei zusammen frei haben, ja dann fliegen wir hinaus. Im Sommer geht es meistens in die Sächs. Schweiz. Ich habe erst in den letzten Jahren erfahren wie schön sie in Wirklichkeit ist.

Morgen schicke ich ein Buch an Dich ab. Ich habe es gern gelesen, es ist so eine verhaltene Spannung darin, die Schilderung der Charaktere, die Andeutung der Liebe zwischen Oktave und Armance hat mir gut gefallen. Hoffentlich bist Du damit einverstanden. Und versteh' mich recht. Ich denke oft an Euch "alten Schweden"! Es ist nur schwer für mich wenig mitteilsamen Menschen eine richtige Verbindung mit kargen nichtssagenden (man kann so wenig sich richtig ausdrücken, wie es der Wahrheit entspricht) Worten zu unterhalten. Das Leben für jeden einzelnen ist doch so verschiedenartig und anderslaufend, daß der Atem bald nicht mehr ausreicht. Na, ich will nicht philosophieren! Laßt es Euch gut gehen!

Dir viel Liebes, denkt an uns

Deine Hertha.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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