|
Brev från Hertha Zenker den 4 oktober 1955
|
||||||||||||||
|
Dresden, den 4. 10. 55
Die Mitternacht rückt näher schon, Ihr liegt sicher im süßen Schlummer. Ich benutze die Atempause und Arbeitsruhe um zur Feder zu greifen. Natürlich bin ich auch sehr müde, die Nachtarbeit strengt mich seit meiner Krankheitszeit doppelt an. Aber ich muß noch lange auf mein liebes Bett warten, weil ich erst noch vormittags zu einer Sitzung muß. Wir haben lange nichts voneinander gehört, und wenn Mutti nicht manchmal auch von Euch einen kurzen, mageren Bericht geben würde, so würde ich von Euch überhaupt nichts mehr wissen. Das ist traurig! Von mir ist nicht viel zu berichten. Die Kur- und Schonzeit ist sehr sehr schnell vergangen und der Urlaub noch dazu. Im Urlaub waren wir einige Tage bei Erna's Verwandten in Berlin. Dort sahen wir und erlebten es so richtig wie der andere Teil der Menschheit und damit Ihr auch auf einem ganz anderen Stern lebt. Wir müssen uns so oft sagen: Warum haben wir es so anders, warum werden wir gestraft, wir sind doch dieselben Menschen. Ich möchte und kann mich nicht darüber auslassen. Es ist eben traurig, daß man sich nie sprechen kann. Im Oktober, Mitte bis Ende, fährt unser Kreuzchor unter der Leitung von Prof. Mauersberger nach Schweden, Finnland und Dänemark. Es werden Konzerte gegeben. Ich bin noch nicht informiert in welche Städte sie kommen. Aber in die Hauptstädte werden sie wohl todsicher kommen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr Euch ein Konzert des Kreuzchor's anhören könntet, der Chor kommt doch aus Deiner Heimatstadt, Gerd. Es singen 2 Söhne, Michael und Georg Kanig, mit dabei, es sind Pfarrersöhne, sie wohnen auch in der Ermelstraße, die Eltern sind mir lieb und nahe geworden. Vielleicht ist es möglich sogar, daß Ihr Verbindung mit ihnen aufnehmen könnt, sie sind 17 und 16 Jahre alt. Ich werde den beiden auch Eure Adresse geben, es kann vielleicht gut sein, wenn sie einen kleinen Anhaltspunkt haben. Sie bringen Euch dann ganz frische, warme Grüße von mir, von uns allen zu Euch allen. - So, nun muß ich erst einmal zu meinen kleinen Frischlingen gehen, da piepst eins so komisch. Wir haben einen schönen, goldenen Herbst, hoffentlich hält es noch eine Weile so an. Vor dem Winter fürchte ich mich. Mutti schrieb, daß die Jungen Interesse für Schach und Ahnenforschung haben? In Bad Berka verbrachte ich auch manche Abende mit Schachspiel, allerdings wurde ich meistens matt gesetzt. Aber von wegen Ahnen! Unsere Vorfahren waren arisch! Und wenn nicht, dann wäre es auch nicht schlimm, sie waren alle Menschen. Habt Ihr nicht mal ein paar Bilder geknipst? So, nun ist es 0:00, damit beginnt der neue Tag, der 5. Oktober, und damit beschließe ich den Brief. Also, wenn Ihr es möglich machen könnt, besucht den Kreuzchor.
|
||||||||||||||
|
||||||||||||||