Brev från Marianne Schweitzer den 2 november 1952

Dresden, den 2. XI. 1952

Meine liebe Märta!

Gestern kam Dein Brief an Hans an. Ach Märta, wenn er doch diesen Brief noch bekommen hätte, wie hätte ich ihm das gewünscht. Er sehnte sich so sehr nach Liebe und war so allein. Heute war Fräulein Schubert, seine Sekretärin und gleichzeitig der Mensch, der ihm wohl in den letzten Jahren am nächsten stand, bei uns. Sie hat ihn in den letzten Jahren versorgt, wenn er hungerte, seine Kleidung und Wäsche in Ordnung gehalten, ihm all-überall beruflich geholfen usw. Sie hat ihn sehr lieb gehabt, still, fein, voll Zurückhaltung. Es hat mich unendlich erschüttert, wie schwer sein Leben war, und in diesem Ausmasse habe ich die äusseren Schwierigkeiten nicht geahnt. Selten Frühstück, mittags oft nichts, Abendbrot selbst zusammengesucht. Dann nahm Inge Schubert Frühstück und Abendessen in die Hand, das Mittagessen die nette alte Konditorsfrau. Suse lebte dann erst abends und nachts auf wenn Dr. Baum da war. Aber sie wollte Hans um keinen Preis freigeben, um "die Heimat" nicht zu verlieren. - Aber als ich Suse jetzt nach 2½ Jahren zur Beerdigung zum ersten Male wiedersah, war ich zutiefst erschrocken. Sie ist ein schwer kranker Mensch, wie von Dämonen besessen, uralt aussehend, wohl Morphinistin. Und da hat Dr. Baum sie wohl auf dem Gewissen. Er hat vor Jahren eine Stosskur mit Permettin (oder so ähnlich) mit ihr gemacht, von da ab hat sie nie mehr davon lassen können und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, die Mittel zu bekommen. Mit dem Freitaler Apotheke und 2 weiteren Ärzten fing sie Freundschaften an. Nun sind sie alle in ihrer Hand und vor Angst um ihre Existenz ihr hörig. So berichtete Inge Schubert, und ähnlich berichtete Hans kurz vor seinem Tod. - Wenn man Suse als diesen zerbrochenen Menschen sieht, dann hat man ein tiefes Erbarmen mit ihr, und wagt keine Anklage mehr.

Ein grosses Gnadengeschenk Gottes war Hans noch beschieden: Er fand zuletzt allen ihn vorher so quälenden Problemen zum Trotz zur Gotteskindschaft und trägt dies dankbar in sein Tagebuch ein, 3 Tage vor seinem Tod. So starb er dann doch noch ganz friedlich. Wahrscheinlich ist er hinübergeschlafen, ohne Qual eines der furchtbaren Anfälle. "Im Frieden mit Gott und den Menschen" ist seine letzte Eintragung. Suse war die letzten 2 Tage in Räckelwitz, aber er starb allein früh nach 7 Uhr.

Die Trauerfeier in der Freitaler Kirche war sehr schön und würdig. Die Kirche war ganz voll und wirkliche Anteilnahme zu spüren. Die Bibeltexte wählte er selbst, 4 Stück, leider weiss ich nur zwei: Joh. 17/24 und: "Gott sei mir Sünder gnädig". - Ja, und nun fehlt er so. Wir sahen uns selten. Zu den Geburtstägen war er bei uns und dann immer wenn er in Tolkewitz jemanden beerdigte, das war so vielleicht alle 6 Wochen. Im letzten Jahr konnte er nicht mehr kommen, und Suse wollte niemanden von den spiessigen Zenkers bei sich haben. In Räckelwitz waren wir 4x. seit Mai. Es war gar so weit in der Wende. Für mich ist aber viel erste Kindheit mit begraben. - Lass uns nun doppelt zusammen halten, das bitte ich Dich. Wenn man nur Renate mehr sein könnte. Sie weiss es wohl garnicht, denn sie kommt erst in diesen Tagen aus England zurück.

Nun leb wohl, Märta. Grüsse sehr Gerd und die Jungens. Renates Bild und auch die anderen behalte ich, wenn es Euch recht ist. Das bei Cläre gebe ich Hertha.

Du willst doch wohl nicht sagen, dass Ihr so bekleidet auf dem Hohen Göll wart, mit Sandalen, Handtasche usw? Wie seid Ihr ohne Nagelschuhe durch den Kamin hinauf gekommen? Das muss doch ein andrer Berg sein. Der Göll ist doch für so kleine Buben nicht zu machen, wir brauchten doch ca 12 Std. hinauf und hinunter. Oder geht da eine Bergbahn hinauf, oder wart Ihr bis zum Purtscheller Haus auf ½ Höhe? Das musst Du noch schreiben. - Bitte grüsse auch Gunhild.

In Liebe,
Deine Nanna.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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