Brev från Sibylle Zenker till Märta den 2 juni 1952

2 Juni 52

Meine liebe Märta,

Du wirst schon lange auf Nachricht von mir warten, aber das Ende des Schuljahrs bringt zu viel Arbeit. Nun gibt's auch keine Pfingstferien, nur die 2 Feiertage sind schulfrei. Gestern, zum Tag der Kinder, hatte ich auch Dienst. Doch nun zu Deinen Sachen.

Zuerst bat ich Hertha auf dem Verzeichnis die Sachen, die bei ihr lägen, anzukreuzen; denn als ich nach Klotzsche fuhr, mußte ich das ja wissen. Sie antwortete mir ungezogen u. erfüllte die Bitte nicht. Aber Nanna sah sich die Sachen mal an u. gab ungefähre Auskunft. An einem Sonntagsmorgen fuhr ich nun zur Mozartstr. - 2 Stunden dauert die Reise! Frau Störmer, d. i. die Besitzerin der Wohnung u. der Sache, war von mir benachrichtigt worden. Wir verstanden uns gut, wir sind beide Schlesier. Fr. St. ist eine zarte Frau, die diesem schweren Leben nicht gewachsen ist. Sie steht nun völlig allein u. soll 3 Kinder erziehen. Das älteste Mädel kommt aber aus der Grundschule. Weißt Du, sie ist so eine altmodische Frau, tüchtig im Haus, ordentlich, anständig - aber sie braucht einen Beschützer. Sie hatte einen reichen, gepflegten Haushalt gehabt - dies schwere Leben übersteigt ihre Kräfte. Ich sagte, sie solle froh sein, daß sie noch Kinder hätte, für die sie sorgen könnte - aber sie schüttelte müde den Kopf, es ist ihr zu viel.

Nun gingen wir an Hand der Liste die Sachen durch. Ach, das brauch ich, war oft ihre naive Antwort. Sie ist grundehrlich u. willig. Nun bedenke aber, daß über Klotzsche der Sturm der Flüchtlinge gegangen ist (Im Mai 1945 waren Flüchtlinge vom TBC-Heim im Keller), da ist Manches verdorben, - verschwunden. Mutter hat ja sehr viel geholt. Sie meinte es gut, aber jetzt erschwert es die Angelegenheit, da an 2 Stellen die Sachen lagern. - Hoffentlich hast Du eine Abschrift der Liste. Wir gehen sie nun gemeinsam durch:

Möbel. Die Couch, 7 Stühle, 2 Tische, 1 Klapptisch, 1 Sekretär - dies sind die einzig hübschen, gute Sachen, es sind Deine Möbel aus Schweden, die sind noch da in Kl. Du kannst Dir denken, daß sie die einzige Grundlage für eine nette Wohnung sind. - Der alte gr. Schrank ist recht wackelig, die 2x Polstersessel sind völlig abgerissen, der altmodische kaputte Schreibtisch u. 2 Kleiderschränke, die sie natürlich dringend braucht, u. 1 wurmstichiger Waschtisch - alles ist in Kl. Der Küchentisch ist an Arme weggegeben worden; - 2 Stühle, 1 Bücherregal; ein kaputtes Kinderstühlchen, 1 =stall u. 2 =betten (wurmstichig) sind da. In dem Faltbett schläft sie selbst, da die 2 anderen Betten zu schlecht sind; 3 Truhen das ist alles in Kl.

Lampen. Das Schiff u. 1 weiße Keramiklampe i. Kl. Betten. 3 gebrauchte alte Roßhaarmatr. sind da, 3 Wattendecken ganz schlecht, ebenso die Kinderdecke, 2 Kopfkissen sind noch da, auch recht schlecht, von den 3 Wolldecken hat sie sich in der schweren ersten Zeit einen Wintermantel machen lassen, wie sie ängstlich eingestand. Die Sofakissen sind zermottet. Babykörbchen u. Wolldecke sind da.

Wäsche. ist wenig. (Da ist viel in der Ermelstr.) - Kl. nur ein paar gestickte Decken. Kleider u. Kostüme lagen ja unausgepackt im Korb im Keller, sie sind zermottet u. schlecht, ein Paar Herrenschuh sind auch noch da.

Glas, Porzellan. Von den Tassen u. Tellern ist noch etwas da, auch das jap. Teeservice u. 1 Keramikschüssel. Römer u. Glasteller mit 2 Schalen sind nicht in Klotzsche (die wolltest Du gerade gern haben). Das Wankservice [?] ist kaputt. Der Fleischwolf ist da u. wird vom gesamten Haus benützt! - Töpfe u.s.w. sind nicht mehr da. Ebenso ist in Kl. weder Silber (in der Ermelstr.) noch Zinn. Leider auch keins der Ölgemälde oder gar Schmuck. Aber viel Bücher u. vor allem Briefe. Sie wunderte sich, daß Mutter die nicht mitgenommen hätte.

So das war Klotzsche! Herr Laube, bei dem ich auch noch vorsprechen wollte, erkundigte sich angelegentlich nach Gerdt. Bevor ich in Kl. war, hatte ich mich schon mit der Spedition in Verbindung gesetzt. Die Möbel müßen einzeln mit Latten verschlagen werden. Woher die Latten nehmen? Alles andere käme in Holzkisten, dafür gab er mir eine Anschrift, der Spediteur liefert sie nicht, schickte nur den Packer. Inzwischen holte sich der Spediteur auf dem Ministerium Auskunft. Dies ist nun so. Eigentlich darf nichts ausgeführt werden, was vor 1945 hier lag wegen - ja ich glaube wegen den allierten Abmachungen, das weiß ich nicht mehr genau. Aber er meinte, diese kleine Sendung bekäme doch wohl die Erlaubnis. Ich müßte 4x jedes einzelne Stück, das in der Kiste ist, in einer Liste aufzählen u. zum Schluß wenigstens 2 Personen u. 1 Bevollmächtigter eine Erklärung unterschreiben, daß keine Waffen, keine Uniformen u. keine nazistische Literatur in der Sendung sei u. das sie stimmte. Das Letztere ist ja gar nicht so einfach; ich kenne doch nicht alle Deine Bücher, für Bücher muß überhaupt noch eine besondere Erlaubnis eingeholt werden. Du mußt eine eidesstattliche Erklärung schicken, daß Du außer diesen Sachen kein Eigentum hier hast.

So - das wäre wohl alles. Nun entscheide! Ich will gern alles tun, um Dir eine Freude zu machen. Aber ich sehe kaum eine Möglichkeit bei den Schwierigkeiten alles zu schaffen, Nanna hilft mir, - aber Hertha erschwert ja alles noch. Ich fände es am besten, wir schickten Dir Pakete. Ich wollte mich schon danach erkundigen, aber die Zollstelle war nur bis 15 h auf, bis dahin komme ich nicht hin, - aber am Do. hat sie länger auf, da werde ich mal fragen bei Gelegenheit. Daß Du auf Deine reizenden Möbel verzichten sollst, wird Dir schwer fallen, das verstehe ich, - aber bedenke - was haben 1000 an Möbeln verloren! Du machst die kleine Frau glücklich. - Ich will nichts von den Möbeln haben, sie braucht sie nötiger als ich.

Und nun überlege, was ich schicken soll. Die Briefe? Wäsche? Vielleicht doch ein Möbelstück? - aber mit einem wird sich der Spediteur nicht sich Mühe machen. Na, besprich nur alles mit Gerdt. Ich bin stets bereit, gern bereit, zu tun, was ich kann. Es tut mir leid, daß ich so wenig erreicht habe bis jetzt, aber meine Schuld ist's nicht.

So - das war ein langer Brief! -

Meine Schwester ist bei mir. Leider ist sie sehr nervlich herunter durch ihren unverschämten Untermieter. - Ich will vom 8. Aug. - 23. Aug. nach Sellin mit Karin zusammen reisen. Ich habe schon durch eine Reisegesellschaft - Rohn - bestellt. Ob's wird? Karin ist noch immer krank geschrieben. Die Schilddrüse macht ihr so sehr viel zu schaffen. Sie hält die körperliche Arbeit in Pillnitz nicht aus, diese gehört aber eigentlich mit zur Ausbildung als Assistentin. Sie will ja eigentlich zum Schluß nur als Zeichnerin dort arbeiten, das könnte sie. Hoffentlich erläßt man ihr den Rest der körperl. Arbeit.

Mir geht's gesundheitlich gut. Im nächsten Schuljahr will ich aber doch nur noch 20 Wochenstunden geben anstatt 30, d. h. das sind Pflichtstunden, es werden sowieso mehr. Der Ausfall an Gehalt wird dann durch die Altersrente aus der Versorgung für die Intelligenz gedeckt; wer 20 Dienstjahre hat u. die schweren Jahre seit 45 durchgehalten hat - erhält sie. Das ist eine schöne Sache. Käme sie nur meinem Jungen noch zu gute! So freut einen eben nichts mehr.

Und wie geht's Euch allen? Hoffentlich könnt Ihr nun endlich auch den Sommer genießen, dieser Nachwinter war ja schrecklich. 250000 Tomatenpflanzen sollen allein hier in der Dr. Gegend erfroren sein; große Schaden an Obst u. Gemüse! Seit 2 Tagen ist's nun wieder warm, bis dahin mußte man noch heizen.

Ich grüße Dich recht sehr von Herzen. Viele Grüße an all Deine Lieben!

Deine
Sibylle.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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