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Brev från Renate
Zenker till Märta Zenker den 25 maj 1952
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Abs.:
Renate Zenker, Wuppertal-Barmen Wuppertal, den 25. 5. 52.
Ja, Du hast vollkommen recht: ich hätte wirklich längst schon schreiben müssen. Ich wollte es auch. Die letzte Zeit war jedoch so erfüllt, daß ich es immer verschob, bis sich die Dinge klärten und ich klar sah. Hab Dank für Deine Karte. Ich holte sie mir Himmelfahrt von Hattenheim ab. Ich machte da eine eintägige Tramptour hin und zurück, um meine Sachen nachzuholen. Zuerst Deine Frage wegen Suse und Vater: Von Suse habe ich seit Herbst keine Post mehr. Vater schreibt manchmal. Es steht schlecht um beide. Suse ist krank so wie in letzter Zeit immer, Vater ist schwer herzkrank. Vor paar Tagen schrieb Vater wieder aus dem Krankenhaus. Er läßt sich vielleicht pensionieren, weil er die Arbeit kaum noch schafft. Aber die Pension wird ganz klein sein und für die beiden nicht ausreichen. Es ist entsetzlich. Ich kann auch nicht helfen, hab ja selbst kein Geld, und hinfahren darf ich auch nicht, wenn ich nicht eingesperrt werden will. Da weiß man gar nicht, was werden soll. Verhungern müssen die beiden wohl nicht, man stopft sich eben mit Brot und Kartoffeln und Nährmitteln voll. Kleine nette Sachen konnte ich ihnen mal schicken: Büchsenmilch, Fischdosen, Tee, Kaffee, Fett, Gewürze, Schokolade, Milchpulver. Da waren sie selig. Aber ich konnte es bisher erst einmal. Nun zu mir: Da sieht es vollkommen anders aus. Mir geht es glänzend, und ich bin selig, daß ich im Westen bin. Ich habe hier in der kurzen Zeit schon so viel schönes erlebt und bin so froh, daß ich von Dresden weggegangen bin. (Natürlich wäre ich manchmal von Herzen gern dort, aber ich bereue das Weggehen nicht.) Wenn einer von Ost nach West geht, so ist das "Sabotage", und er kann sich nicht so schnell wieder blicken lassen. Aber vielleicht später mal. - Im September kam ich nach Westdeutschland. Ich muß gestehen, daß ich gar nicht mehr weiß, ob ich Euch inzwischen mal schrieb. Einen Monat lebte ich bei meiner Freundin in Wiesbaden, 5 Monate in Hattenheim bei Laurs, dem Direktor von Mumm & Co. (Sektfirma). Da arbeitete ich im Haushalt mit mehr oder weniger Erfolg. Laurs waren reizend, und es war ganz prächtig dort. Den Rhein habe ich liebgenommen dabei, bald lieber als die Elbe. Ganz freiheitstrunken habe ich den Westen erlebt. Endlich tun können, was man will, keine Schranken und Grenzen um einen! Auf die Literatur und und alles Moderne stürzte ich mich, auf Menschen und zunächst auf die mir so ganz ungewohnte Haushaltsarbeit. Unbeschreiblich schön waren der März und der April. Erst habe ich mich schnell noch auf Krankenkasse-Kosten ins Krankenhaus gelegt, um meine zenkersche enge Nase erweitern zu lassen (ich spüre bloß leider gar keine Besserung). Dann, noch ganz wacklig auf den Beinen, machte ich mich auf eine Süddeutschlandtour. Mit Rucksack und wenig Geld los, immer per Anhalter. Zuerst ging's nach Fulda und in die Rhön, dort blieb ich eine Woche bei einer Freundin, die da Gymnastik studiert. Da überraschte mich entsetzlicher Regen und schließlich gar Schnee. Ich sah Bamberg, Nürnberg, Ulm, Tübingen. Wundervolle Tage, wenn auch kalt. Aber die Städte eroberte ich mir, in dem ich kreuz und quer durch trabte. In Trossingen machte ich eine Woche Pause, um dann meinem größten Sehnsuchtziel zuzufahren: dem Bodensee! Dort war ich zu Ostern 8 Tage. Plötzlich Sonne, Wärme, blauer Himmel - unsagbar schön. Alle Orte am See durchstreifte ich und fühlte mich sauwohl. Ganz traurig nahm ich Abschied vom See, aber es wurde gleich wieder toll: durch den Schwarzwald nach Freiburg, das Rheintal lang, Heidelberg, Bergstraße nach Frankfurt. Da waren dann 5 Wochen rum, und meine Freizeit war zuende. Ganz schnell mußte ich (wie immer kostenlos per Anhalter) nach Wuppertal. Hier hatte ich mich an der Pädagogischer Akademie angemeldet. Seit 29. 4. bin ich nun hier und bleibe 2 Jahre. Ich werde wieder Volksschullehrerin. (Wenn ich's nicht auf irgendeine Art noch weiter schaffe.) Hier höre ich also nun Vorlesungen. Aber da ich irgendwie Geld verdienen muß, ist die Zeit sehr knapp. Geld verdienen ist schnell gesagt, es war schwer, was zu finden. Ich werbe jetzt Abonnenten für 2 Illustrierte. Von Wohnung zu Wohnung gehe ich, schrecklich, aber das hilft nichts. - Ich wohne im Studentenheim, das ist sehr nett. Große Pläne habe ich. Vielleicht gelingt es mir, zur Erntearbeit nach England zu kommen. Da will ich dann kreuz und quer durch das Land trampen, um viel zu sehen. Wenn das nicht wird, will ich aber unbedingt mal ins Ausland. Es gibt ja, glaube ich, überall Jugendherberge, und trampen kann man auch in vielen Ländern. Auf diese Art komme ich vielleicht auch irgendwie mal nach Schweden. Ob man da Autos anhalten kann?? Gibt es Jugendherberge? Wie geht es Euch? Ich hörte auch gern mal von Euch.
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