|
Brev från Gerd till Märta den 23 oktober 1946
|
||||||||||||||
|
23. 10. 46. Meine Allerbeste! Gestern kam ein aufregender Brief: Ich beehre mich Ihnen mitzuteilen, daß ich von der Eidgenössischen Fremdenpolizei in Bern ermächtigt worden bin, Ihnen ein Einreisevisum für die Schweiz zu erteilen. Für die Eintragung ist mir Ihr Reisepaß oder amtl. Lichtbildausweis vorzulegen, jedoch nur dann, wenn Sie bereits das für die Auslandsreise erforderliche Exit-Permit des Allierten Kontrollrates in Berlin besitzen. Ort: Dietikon. Dauer: 8 Tage. Grund: Durchreise mit Aufenthalt. Letzter Visierungstag: 4. Januar 1947. Bedingung: Vorlage eines Einreisevisums für Schweden. Hochachtungsvoll! Schweizerisches Generalkonsulat in München. Ja ja ach ja. Das hat wohl die gute Tante im Verein mit dem Schulkameraden bewirkt? Gott segne sie. Dieser teuflische Nebensatz! Ich gehe heute abend zu O. und fahre nächsten Montag einmal nach München, um nur die Leute anzusehen. Wo liegt eigentlich mein schwedisches Einreisevisum und wie lange gilt es? Frau O. ist jetzt glaube ich in Deutschland u. will ihren Mann treffen, er wartet aber auch noch auf Papieren damit er in die französische Zone reisen kann. Heutzutage ist ja alles so schwierig und umständlich. Du fragst nach meinen Pariser Aussichten; ich habe aus B. an Dr. Schmidt in Lindau geschrieben und erwarte seine Antwort in den nächsten Tagen. Dann bin ich wieder ein bißchen klüger als heute. Meine Liebste! Den ganzen Sommer habe ich mir eingebildet, zu Märtas Geburtstag bin ich längst bei ihr. Am 25. und 26. denke ich ganz fest an Dich, Du wirst es fühlen. Ich habe Dir für ein paar hübsche, hübsche Briefe zu danken. Es ist ja nett, daß Du alle Deine Dresdner Bekanten in Schweden wiedergetroffen hast, ich freue mich, daß Gulli Böhme und Elsa G. gerade noch rechtzeitig herausgekommen sind. Was für ein unglaubliches Glück, daß der Autobus gerade am 13. Februar abfuhr. Sage den beiden Damen meine allerbesten Grüße! Sie gehören unzertrennlich zu unsrer Dürerplatz-Epoche, finde ich. Was Du von Rut S. schreibst, na weißt Du, ich muß schon sagen, so was! Tz tz tz tz. So sind aber nicht alle Schwedinnen, nicht wahr? xxx In der Hinsicht bin ich nämlich furchtbar altmodisch, ich glaube, ich würde garnicht so recht nach Stockholm passen. In Deutschland herrschen aber auch eigenartige Zustände. Bei den Gerichten liegen Zehntausende von Scheidungsklagen. Sie können aber nicht behandelt werden, weil wegen der Entnazifizierung nur noch ein Bruchteil der Richter im Amt ist und diese mit Raub- und Mordprozessen dringenderes zu tun haben. Was war Herr S. für einer? Nett? Wo steckt er jetzt? Was will er in Schweden machen? Ach so, studieren natürlich. Womit verdient sie denn das viele Geld? Spaßig war Frau Åkersons Urteil über mich. Nett, aber korrekt (= langweilig). So was ähnliches hat man mir hier in Vilsbiburg auch hinterbracht. Die dummen Weibsbilder, ich fürchte, meine ganze Korrektheit ist haupsächlich die Folge davon, daß mir ihre Nase nicht gefällt. Aber das kann man ihnen als höflicher Mann ja nicht direkt sagen. - Die arme Mia, auswandern ist kein Spaß! Wie ich unser Bertchen kenne, wird sie in zwei Jahren noch bei den Schwiegereltern sitzen und er Dunkelkammern, Klingelanlagen und andere technische Finessen anlegen. (Übrigens: Der kleine Ää weiß es besser als die große Mia, es heißt Filsbiburg!) [Syftar väl på uttalet?] Es will mir noch nicht in den Kopf, daß da drüben solche Zustände herrschen. Was ist das für ein Regierungssystem, wo so etwas möglich ist, in seinem Lande, das alle natürlichen Reichtümen hat. Als deutscher darf man sich allerdings nicht alterieren, da unser eigenes Regierungssystem ja auch einige Mängel gezeigt hat! Ich sage wie Pontius Pilatus: Was ist Wahrheit? Die Versuchung ist groß für unsere Generation, alles Denken ein für allemal aufzugeben und nur noch unser persönliches Leben zu leben, i. e. zu verspießern. Vielleicht ist es wirklich so, daß es viele Wahrheiten gibt, aber keine vollständige. Mein Kopf ist trotz seiner Hutnummer 58 zu klein dazu. Du wirst sehen, in ein paar Jahren werde ich vor lauter Ratlosigkeit noch kirchenfromm. Märtalein, ich bin Dir recht von Herzen gut, weißt Du das? Es ist so hübsch, Deine Briefe zu bekommen, vor allem, wenn es Liebesbriefe sind, und da sind sie mir nun wieder am liebsten, wenn sie recht heiß sind! Heißssssss! Fru Sänker --- in Form von --- ja was denn gleich? das muß ich mir erst noch überlegen, ich sage es Dir dann wohl am besten gleich persönlich, was meinst Du? Ich habe schon verschiedene Projekte, jede Nacht kommt ein neues dazu. Ob er Sehnsucht hat, der liebe Kleine? Dumme Frage. Er möchte weinen vor Sehnsucht. Aber man soll den Kindern nicht immer ihren Willen lassen, das wäre eine schlechte Erziehung! Außerdem soll man über die Kinder nicht zu viel in ihrer Gegenwart sprechen, sonst werden sie hochnäsig und ganz unerträglich. Wovon sprachen wir doch gleich? Richtig, vom Wetter. Es ist glüklicherweise noch warm genug, daß ich auf der Veranda sitzen und schreiben kann, wenigstens an sonnigen Tagen, das ist recht angenehm. Man hat einen so hübschen Blick über die Bäume und die Dächer des Städtchens nach der Bergkirche hinüber. Der weite Himmel erinnert mich immer wieder an April 45, wo die Lightnings nach Herzenslust zwischen den Wolken herumturnten und die Sirene aus dem Heulen garnicht mehr herauskam. Ein Jammer, daß der garstige Winter wieder in Anmarsch ist. Diesmal habe ich im Vertrauen auf die unerschöpflichen Wälder Schwedens nicht einmal Holz und Tannenzapfen gesammelt. Glücklicherweise hat der Doktor als Arzt etwas Koks für seine Dampfheizung bekommen, und im übrigen verlasse ich mich auf meinen guten elektrischen Ofen. Hoffentlich wird der Strom nicht zu häufig gesperrt, letztes Jahr mußten wir des öfteren im Dunkeln sitzen. Unter meinen vielen Zukunftsplänen ist auch der, in Schweden dieses fabelhafte Ofenmodell zu bauen. Es hätte schon wegen des billigen Strompreises sicher gute Aussichten; die Frage ist nur die, ob nicht schon eine ähnliche Konstruktion existiert. So ist es mit einer ganzen Reihe von Plänen: Das allererste wird sein, Klarheit über Marktverhältnisse, Patentlage u. ähnliches zu bekommen bevor wir Berufspläne machen können. In der Beziehung bin ich ja wie ein neugeborenes Kind. Übrigens keine Angst, daß ich den Jahrgang 1938 der Sv. M. T. zu technischen Studien mißbrauche! So tief bin ich doch nicht gesunken. Ich habe aber das Gefühl, daß es bald Zeit wird, neue technische Anregungen zu bekommen und Erfahrungen zu machen, nachdem wir fast 2 Jahre fast nur von der eigenen großen Vergangenheit gezehrt haben. In dieser Lage sind natürlich alle deutschen Ingenieure. Vorhin kam Frau v. Schumann und unterbrach mich. Die gute Marcelle, sie will mir so gern helfen und wird es wohl auch können, aber nur auf dem Wege, den ich als letzten gehen will, nämlich über Paris. Und dazu brauche ich sie ja eigentlich garnicht. Jetzt fällt mir ein - ich habe Dir ja noch garnicht den Titel des Buches geschrieben, von dem Du Dir einbildest, daß ich es verfasse. Du hast recht, es ist Lyrik. Als Titel dachte ich mir ungefähr "Piezoelektrische Druck- und Kraftmessung, gewidmet meinem lieben Weibe" oder etwas ähnliches. Ich komme aber noch kaum zu dieser Arbeit vor lauter Herumreisen und Korrektur von englischen Berichten, welch letzteres eine ganz abscheulich nervenauftreibende Beschäftigung ist. Aber etwas muß man ja schließlich tun fürs Geld. Zur Nachtarbeit kann ich mich absolut nicht mehr aufschwingen, dazu fehlt der innere Auftrieb. Im übrigen geht mir's gut, danke, und mein Herz ist ganz in Ordnung! Und Deines, meine Liebe Kleine? Das war doch auch nicht gerade robust? Nicht so viel herumjagen! Und nicht so viel schwarzen Kaffee trinken! - Von Lernet-Holenia habe ich nichts gehört, sein Wiedererscheinen ist wirklich erfreulich. Wiemann ist wohl auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwunden, zusammen mit Emil Jannings, Heinrich George und zehntausend anderen. Zum Glück ist uns Hans Albers erhalten geblieben. - Wolfgang Zenker sitzt irgendwo in einem amerikanischen Lager, Leni ist glaube ich in Zwickau oder dieser Gegend und es soll ihr ganz gut gehen. Indem ich von Euch dasselbe hoffe, empfehle ich mich auf kurze Zeit.
|
||||||||||||||
|
||||||||||||||