Brev från Elisabeth Zenker till Gunhild af Sillén den 11 juli 1946

An Frau Gunhild af Sillén, Salta gård, Enköping, Schweden
von Frau Elisbeth Zenker, Dresden A21, Ermelstr. 13

D. 11. 7. 46

Liebe Gunhild u. liebe Märta,

Heute an Gerds Geburtstag sind meine Gedanken zu Süd u. Nord geteilt, wie schön wäre es gewesen, wenn ich Gerd auch im Norden hätte suchen können! Gestern kam Dein l. [lieber] Brief, Gunhild, u. Märtas an Hertha u. für ihren letzten an mich habe ich auch noch zu danken. Es war gar so lieb von Dir, l. Gunhild, mir so ausführlich von unsern barnbarn, Mädels u. Buben zu erzählen u. ein wenig vom Paradies Hinsnoret. Da haben ja die 4 Schwestern nun auch so eine herrliche ländliche Kindheit dort wie die 3 Brüder auf Salta, das ist für's ganze Leben ein unvergänglicher Schatz! Wie leuchtend stehen mir m. ersten 7 Kindheitsjahre in der Erinnerung im wunderschönen stillen Garten d. Superintendentur im altertümlichen Meissen, wie traurig empfand m. Kindergemüt d. Wechsel mit d. grossen Stadt Dresden, die damals 1888 aber noch so einfach u. still war!

Ja, nun ist sie das wieder, aber anders, totenstill u. erschütternd zu sehen, diese Strassenzüge u. Plätze - Ruinen, nichts weiter. Die ganze Umgebung u. d. Dürerplatz ist gesperrt, man sieht nur von weitem d. grünen Bäume noch. Die Natur lebt Gott sei Dank weiter. Das menschliche Leben hat sich in die Vorstädte hinausgezogen, wo viele Geschäfte ganz klein wieder anfangen, aber zu kaufen gibt's kaum was u. nur auf Bezugsschein f. Bombengeschädigte. Ich bin ja so dankbar, dass wir unser Heim noch haben, auch Haus - Schweitzers zwar aus ihrem schönen vertrieben, aber sich in ihrem Holzhäuschen sehr gemütlich eingerichtet haben u. aus d. Sandboden schon einen richt. Gemüsegarten u. einige Blumen geschaffen haben. Es liegt neben der Schiffswerft in Laubegast, wo Lothar Weller als Arbeiter ist mit 72 Pf. Stundenlohn, damit muss er um Frau u. 4 Kinder erhalten. So geht es nun Ungezählten, an andre Verdienstmöglichkeit ist nicht zu denken. Hertha merkt schon sehr wie ihr beruf [Hebamme] immer weniger in Anspruch genommen wird, so dass sie auch Sorge um d. Zukunft hat. Frau Dittner arbeitet d. gz. Tag bei einem Schneider. Ihren kl. Jungen hatte sie leider in Berlin verloren im Herbst. Sie war hier plötzlich ausgewiesen worden, konnte später aber zurück kommen. Der kl. Christian starb ganz schnell u. d. Todesursache ist nicht geklärt, wahrscheinlich Gehirnentzündung. Der Mann bleibt vermisst seit 3 Jahren. Sibylles Los ist so traurig, gerade wo sie doch nur in ihrem Hans Chr. aufging. Und doch, wie viele sagen: wohl ihm! denn was hat die Jugend jetzt zu erwarten? wie viel schwerer haben es die armen Krüppel oder Blinden, die noch ein langes Leben vor sich haben.

Wir freuen uns jetzt dankbar der Sommerszeit, wo man nicht zu frieren braucht. Wenn sie uns nicht so schnell vorbeieilte! Jetzt gibt's nun auch etwas Gemüse, aber sehnsüchtig wartet alles auf d. neuen Kartoffeln, die alten sind längst verbraucht. Von Lübeck bekam ich Nachricht, dass ein Schwedenpaket eingetroffen sei, ob das von Helene v. März oder das von Euch so freundlich gesandte, weiss ich nicht, es wird wohl noch Wochen dauern, bis es hierher kommt. Wie freue ich mich, dass Ihr so einen schönen Sommer zus. habt mit Erik u. seiner jungen Frau, die auch glücklich in Eurem Familienkreis sich fühlen wird. Da werden die Jungen vielleicht das ersehnte "Schwesterchen" bewundern können! Wie gern möchte ich Märta u. die tapfern Buben im Mälarn baden u. Boot fahren sehen, das muss schwer sein, sie wieder auf den Weg nach Hause zu bringen! Jetzt seid Ihr gewiss tüchtig beim Einkochen von all den herrlichen Dingen, die Garten u. Wald Euch bringen.

Ich habe mit Fr. Dittner mal 7 St. in d. Heide Heidelbeeren gesucht u. 4 Pfund mühsam zus. gesucht ohne Aufzusehen. Das ist das einzige Obst was wir in Sommer u. Herbst haben, denn in d. Handel kommt nichts. Die gute Nanna hat uns aber an ihren Erdbeeren auch mit geniessen lassen, sie hatte d. Pflanzen aus d. alten Garten mitgenommen u. sie haben schon etwas getragen.

Nun will ich Märtas Fragen beantworten. Von Nessi wissen wir nichts neues. Sie waren noch auf d. Eibishof, Hannes aber in einem Lager. In d. Zeitung stand aber, dass alle Reichsdeutschen hinaus müssen, so werden sie nach Berchtesgaden wohl gehen, wo zu ihrem Glück ein guter Freund sie aufnehmen will. Hier können sie nicht her. Tante Else ist jetzt in einem Krankenhaus bei Buschmühle im Erzgeb., sie hatte Darmkatarrh u. auch wegen d. Herzens. Sie hat es da sehr gut mit Pflege u. Verpflegung. Dass sie so wenig wiegt, finden wir nicht so absonderlich, so geht's uns allen, ich bin doch viel grösser als Tante E. u. wiege auch keinen Centner mehr. Das liegt am Fettmangel, schadet aber vorläufig nichts weiter. Ihre Adresse ist noch Bärenfels i. Erz. Villa Lydia. Es ist gut für sie, dass sie dieses Heim hat, denn auf d. Lande ist sie besser versorgt als hier in d. Grossstadt.

Tante Hertha lebt in Göttingen bei ihrer Mutter, die aber auch nur in einem Heim ist. Sie wird wohl jetzt in Flensburg sein. Werner u. Adelheid geht's auch gut, er hat noch seine Stelle u. da die Grossmutter gleich neben d. Grenze in Dänemark wohnt, werden sie da sicher gut versorgt. Die Adresse in Gött. ist "Obere Karspüle 22". Cläre Immisch, Gerds Pate, schreibt recht traurig von Hunger u. so viel Mühsal, Holz u. Nahrung zu schleppen, ihre Stellung hat sie nicht mehr, vertritt aber jetzt d. Gemeindehelferin u. ist z. Z. erdrückt von d. furchtbaren Not, der sie begegnet. Freiburg i. Breisgau, Günterstalstr. 5a. - Recht schwer hat's auch Tante Marga Schultzky. Sie hat doch d. gr. Wohnung in Halle, heisst jetzt Karl Liebknechtstr. 20. Alles ist ihr vollgepropft mit Russen die sie bedienen muss u. Bombengeschädigten u. dabei fällt kein Krümchen zu essen etwa extra ab. Schwer mit 76 Jahren. Vielleicht besuche ich sie am Geburtstag v. d. August. Schweitzers wollen nach Quedlinburg, da fahren wir zus. mit d. Schiff d. Elbe hinunter bis Dessau u. dann jeder mit Zug. Länger als 4 Tage kann ich aber nicht hier wegbleiben. Es möchte stets jemand zu Hause sein, damit Hertha keine Geburt verliert.

Jetzt habt Ihr sicher viel Leben u. zu tun, wenn Karin u. Ann-M. mit da sind aber so hübsch dass die Kinder sich so gut kennen u. lieb haben lernen. Bleibt nur alle recht gesund, klein Erik sieht aber doch so "duktig" aus, Gerd so ähnlich im Ausdruck als er so klein war, auch immer so ein bischen sorgenvoll! Dass Rolf Per so ähnlich wird, ist so rührend, möchte er auch sein glücklich harmonisches Gemüt besitzen.

Nun seid herzlich bedankt f. Eure Liebe. Grüsst Elof u. die Jungen sehr u. seid innig gegrüsst von
Eurer Mutti Elisabeth.

Ansvarig utgivare: Stefan Zenker, www.zenker.se

 
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