Nessis Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg

Einführung von Gerold Kiendl

Erster Weltkrieg 1914 - 1918: ca. 10 Millionen Tote, ungezählte Verwundete, Verstümmelte - das Grauen des ersten modernen Krieges.

Aber: Jubelnd und mit Gesang war die Jugend der europäischen Nationen in diesen Krieg gezogen, den man seit Jahren erwartet hatte, und alle, alle waren von der Gerechtigkeit ihrer jeweiligen Sache überzeugt gewesen. Ganz besonders traf dies auf die Deutschen zu, die sich eingekreist glaubten von Rußland, Frankreich und England. Immer noch auf dem Weg zur nationalen Identität - das Reich war noch keine 50 Jahre alt - schien man befreit, ja dankbar und froh, endlich etwas tun zu können für Deutschland, für das, was man mit viel Gefühl und Pathos und wenig rationalem Verständnis Vaterland nannte.

Alle Schichten des Volkes dachten zum erstenmal gleich. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" sagte Kaiser Wilhelm II. am 4. August 1914, und die bisherigen Parias der Gesellschaft, die Arbeiter, dachten, sie müßten sich dieser Gnade durch gesteigerte nationale Begeisterung wert zeigen. Ganz selbstverständlich war diese Haltung des dröhnenden Nationalismus für das Bürgertum, das in der streng hierarchisch geordneten Gesellschaft des Kaiserreichs durch seine wirtschaftliche Leistung Funktionen des Adels zu übernehmen begonnen hatte und sich deshalb an unkritischer Obrigkeitstreue von niemandem übertreffen lassen wollte. Das galt jedenfalls für die oberste Schicht des Bürgertums, die Industriellen, den sog. Geldadel und war da auch irgendwie verständlich; beim mittleren Bürgertum - Beamte, Handwerker, Angestellte - das außer gesellschaftlicher Anerkennung nichts zu erwarten hatte, sah diese Haltung schon eher unfreiwillig komisch aus, komisch und heute kaum noch verständlich.

Aber ohne die bedingungslose Obrigkeitstreue und Kriegswilligkeit gerade des Mittelstandes hätte dieses entsetzliche Schlachten wohl kaum begonnen, hätte es auf jeden Fall nicht so viele Jahre gedauert.

Dieses Buch will das Phänomen der deutschen Obrigkeits- und Kaisertreue nicht erklären - darüber ist schon viel geschrieben worden. Es will diese wirklich unglaubliche Haltung vielmehr dokumentieren und vielleicht auf diese Weise indirekt auch erhellen.

Zu Beginn des Krieges wurde die Jugend aufgefordert, Kriegstagebücher zu führen, eine Aufforderung, die sich besonders an die jungen Mädchen wandte und wohl die allgemeine Begeisterung für die deutsche Sache, die Identifikation mit ihr fördern sollte.

Mir liegen fünf dicke Hefte des Kriegstagebuchs meiner Mutter vor, sie gehörte dem Jahrgang 1900 an, erlebte den Krieg also als junges Mädchen. Sie war das zweite Kind eines Forstmeisters, später Oberforstmeisters aus dem sächsischen Erzgebirge; Forstbeamte, Pfarrer, Ärzte waren die vorherrschenden Berufe in der Verwandtschaft, die Eltern wählten liberal-konservativ und hielten die Arbeiter für zwar grundsätzlich bedauernswert, aber ebenso grundsätzlich für verdächtig, die SPD für eine kriminelle Vereinigung. Das hinderte sie andererseits nicht, im Sinne der allsonntäglich gepredigten christlichen Nächstenliebe selbst Gutes zu tun. Die Mutter engagierte sich im Roten Kreuz, der Vater setzte sich nachdrücklich für das Wohl der ihm unterstellten Forstarbeiter ein, sofern und solange sie sich nicht politisch engagierten.

Das Gehalt des Forstmeisters war nach heutigen Maßstäben bescheiden, genügte aber damals, standesgemäß zu leben, zumal der Staat mit der Dienstwohnung (Forsthaus) das Wohnen billig machte. Ein Dienstmädchen war selbstverständlich, auch ein Kutscher stand zur Verfügung, weil es die Dienststellung eines Forstmeisters so vorsah. Man kleidete sich gediegen, aber ohne Aufwand, man machte und empfing Besuche, wie es die gesellschaftlichen Regeln bestimmten, und man konnte der etwas kränklichen Tochter nach Erfüllung der Schulpflicht mittels eines Privatlehrers ein wenig Englisch, Französisch und Kenntnisse in der Literatur beibringen lassen.

Die oberen Ränge der Gesellschaft, Hoch,- Geburts- und Geldadel, blieben der Familie unzugänglich; immerhin erzählte man sich raunend, ein entfernter Verwandter habe einst Bismarck gedient und ein Onkel, er war Superintendent, besäße ein Bett, in dem Bismarck einmal übernachtet habe.

Das junge Mädchen, Agnes, genannt Nessi, war ein lebendiges, sehr stark empfindendes Wesen, von schwacher Konstitution wohl, doch sehr naturverbunden, wenn immer möglich im Freien, vertraut mit Tieren und Pflanzen und jedenfalls kräftiger als ihre ängstliche, immer besorgte Mutter befürchtete. Nichts Bösartiges, Hämisches, verklemmt-Griesgrämiges finden wir bei dem jungen Mädchen, keine Neigung zu Haß oder gar Gewalt, im Grunde war sie vom Wesen her allen Menschen gut. Freilich, angepaßt, folgsam, wie es sich gehörte, das war sie auch, und so griff sie auch bald nach jenem Aufruf zum Tagebuchschreiben zur Feder und begann mit der Niederschrift. Oft wurde es ihr mühsam, und so hat das Tagebuch an vielen Stellen erhebliche chronologische Lücken. Doch immer wieder rief sie sich gewissermaßen zur Ordnung und trug die wichtigsten Ereignisse nach, so wie sie sie erfahren hatte; häufig klebte sie Zeitungsartikel ein, Gedichte, die sie in der Tageszeitung fand, Bilder, Übersichten, und dazu gab sie dann ihre Kommentare.

Da sie selbst, wie sie wiederholt schreibt, die politischen Vorgänge nicht immer durchschauen und verstehen konnte, war sie auf das Urteil der Erwachsenen angewiesen. So haben wir eine vermutlich recht getreue Spiegelung des Kriegsgeschehens vor uns, eine Spiegelung aus der Wohnstube des deutschen Mittelstands.

Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge und der Bezüge habe ich an manchen Stellen historische Erläuterungen und Deutungen eingefügt. Ich habe dabei vieles unkommentiert gelassen, wo sich Kommentare förmlich aufdrängten und habe mich an anderen Stellen zurückgehalten und um Kürze bemüht: die Wirkung der Originaltexte sollte nicht verwässert werden. Ihre Naivität, aufzählende Monotonie, ihre Selbstverständlichkeit im nationalen Gehabe und ihre gläubige Begeisterungsfähigkeit vermitteln erst in der Summe und in ununterbrochener längerer Folge den Eindruck, auf den es ankommt.

Ob man nun lächelt über die unüberbietbare, oft makabre Trivialität der Reimereien, wie sie damals häufig in den Zeitungen gedruckt wurden, ob man erschrickt über die Unbekümmertheit, mit der das junge, sensible Mädchen den Kaiser bewundert und sich über Tod und Vernichtung freut, wenn Feinde davon betroffen waren - immer wieder wird deutlich, daß fehlende Information, mangelndes Wissen, Realitätsferne schreckliche Folgen hatten. Unzureichende geschichtliche und politische Information, die gezielte Desinformation über die Realität des Krieges, verbunden mit einer geschickten Propaganda für diffuse Wertvorstellungen von Deutschtum und Vaterland, veranlaßten auch junge Mädchen zu Vaterlandsschwärmerei und Kriegsbegeisterung.

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", schrieb Immanuel Kant in seinem berühmten Aufsatz über den Begriff der Aufklärung. Die Kriegstagebücher der Försterstochter Agnes Z. veranschaulichen auf beklemmende Weise, wozu es führt, wenn diese Aufklärung verweigert wird.

Bergen, im August 1993

Anmerkung: Die Zitate aus dem Tagebuch sind nicht verändert worden, Kürzungen sind kenntlich gemacht. Die Erläuterungen des Herausgebers stehen kursiv und in Klammern. [Ich habe statt dessen Hypertext Links benutzt um die Erläuterungen bequem zugänglich zu machen ohne die Originaltexte aufteilen zu müssen. Kürzere Kommentare bleiben im Text in grauer Farbe. /SZ]

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